Von Alfred E. Ott

Das Thema „Lohnhöhe und Produktivität“ hat seit dem bekannten „Blessing-Gutachten“ noch nichts von seiner Aktualität eingebüßt, sondern ist sozusagen chronisch aktuell. Die folgenden Bemerkungen enthalten eine Verteidigung der Produktivitätsthese; ihre absichtlich prononcierte Formulierung ist vielleicht dazu geeignet, die von Hermann Riedle wieder aufgenommene Diskussion weiter voranzutreiben (vgl. die Nummern 22, 24 und 26 der ZEIT). Der Autor dieses Beitrages, Prof. Dr. A. E. Ott, lehrt an der Universität des Saarlandes.

Die Beziehungen zwischen Lohnhöhe und Produktivität lassen sich, jedenfalls innerhalb bestimmter Grenzen, an Hand einiger weniger Definitionen und Größenbeziehungen abhandeln. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Definition der Lohnquote, worunter man den Anteil der Löhne am Volkseinkommen versteht. Die Lohnsumme läßt sich errechnen aus der Beschäftigtenzahl, multipliziert mit dem Durchschnittslohnsatz in der betreffenden Volkswirtschaft. Das Volkseinkommen ergibt sich entweder als Summe der individuellen Einkommen oder als (Netto-)Wert der jährlich produzierten Güter und Dienstleistungen (Volkseinkommen = Sozialprodukt). Nicht weniger einfach ist die zweite Größe zu verstehen, die bei den kommenden Überlegungen eine Rolle spielt, die Produktivität. Man versteht darunter die Produktionsmenge pro Arbeiter (bzw. pro Arbeitsstunde), oder, wie man auch sagen kann, das Durchschnittsprodukt der Arbeit.

Produktivitätsorientierte Lohnpolitik besagt nun nicht mehr und nicht weniger, als daß die Lohnsätze in einer Volkswirtschaft genau im Maße der durchschnittlichen volkswirtschaftlichen Produktivitätssteigerung erhöht werden sollen.

Wird nach dieser Regel verfahren, so bleibt zwar der Anteil der Löhne am Volkseinkommen unverändert, andererseits aber kann dann auch mit einer Konstanz des gesamtwirtschaftlichen Preisdurchschnitts gerechnet werden. Zwangsläufig müssen Preiserhöhungen in denjenigen Wirtschaftsbereichen erfolgen, in denen die Produktivitätssteigerung hinter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt zurückbleibt; umgekehrt müssen die Preise in denjenigen Bereichen sinken, deren Produktivitätssteigerung den gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt übertrifft. Die produktivitätsorientierte Lohnpolitik ist demnach mit Verschiebungen im Preisgefüge verbunden, die sich per Saldo ausgleichen. Das Hauptziel, das mit ihrer Hilfe erreicht werden soll, ist die Konstanz des Preisniveaus, in der Tat im Zeitalter der schleichenden Inflation, der offenen und versteckten Preiserhöhungen allerorts „ein Ziel, aufs innigste zu wünschen“. Als Nebenprodukt sozusagen fällt die Konstanz der Lohnquote an, die denn auch von den Kritikern der Produktivitätsthese als Zementierung der bestehenden Einkommensverteilung usw. aufs schärfste attackiert wird.

Eine brauchbare Faustregel

Um beurteilen zu können, ob die Produktivitätsthese wenigstens als eine brauchbare Faustregel für die Lohnpolitik angesehen werden kann, erscheint es zweckmäßig, zwei extreme Annahmen auf ihre möglichen Folgen zu überprüfen.