Seit die britische Regierung ernsthaft die Möglichkeit eines Beitritts zum Gemeinsamen Markt ins Auge faßt, passieren in England die erstaunlichsten Dinge. Nicht nur, daß ernsthaft die Möglichkeit erwogen wird, sich freiwillig unter das Joch des Dezimalsystems zu beugen, und daß man an der geheiligten Tradition des Linksverkehrs zu rütteln wagt – schlimmer noch, in England lernt man jetzt lesen.

Lordsiegelbewahrer Ted Heath, Sir Francis Rundall, Bürochef des Auswärtigen Amtes und vierzig sorgfältig ausgewählte Beamte dieses Ministeriums haben einen Kursus absolviert, nur um besser lesen zu lernen. Zwölf Wochen lang, jeden Mittwochabend, übten die Diplomaten, Beamten und Politiker anderthalb Stunden lang; das Ministerium zahlte das Schulgeld: etwa 40 Mark für jeden.

Warum drücken die Herren wieder die Schulbank? Die Verhandlungen Großbritanniens mit der EWG haben eine Krise in Whitehall ausgelöst: man erstickt dort in Dokumenten, die alle gelesen, verstanden und bearbeitet werden wollen. „Die Regierung ist bedenklich in Rückstand geraten“, schrieb der Londoner „Observer“ schon vor Monaten. Mit Hilfe des Schnellesens versucht man nun, der Papierlawine Herr zu werden.

Das Schnellesen ist eine amerikanische Idee, ausgearbeitet an der Universität Harvard. Man ging von der erschreckenden Statistik des Lesestoffs aus, den ein Geschäftsmann oder leitender Angestellter eines großen Unternehmens heutzutage zu bewältigen hat: durchschnittlich pro Woche 150 Geschäftsbriefe, 60 Memoranden, 4 Tageszeitungen mal 6, 2 Sonntagsblätter, 4 Fachzeitschriften und 3 Wochenblätter. Das bedeutet eine Wochenaufgabe von einer Viertelmillion Wörtern (Inserate nicht mitgerechnet). Der gebildete Europäer oder Amerikaner liest mit einer Geschwindigkeit von etwa 250 Wörtern in der Minute; seine oben aufgeführte Wochenlektüre kostet ihn also fast 17 Stunden pausenlosen und konzentrierten Lesens.

Aber liest der Normalmensch pausenlos und konzentriert? Keineswegs – so stellten die Havardforscher schon 1940 fest, und Professor E. C. Ponton in Cambridge, England, kam im Laufe eingehender Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen; danach erschien es durchaus möglich, ein weit höheres Lesetempo zu erzielen, indem man die Methode des „indirekten Sehens“ verwendet und den Leser zur Konzentration erzieht.

Ein großer Schleifsteinkonzern in Manchester führte die Methode in England ein und gründete eine Organisation, die damit begann, Kurse für Beamte und Angestellte einzurichten. Ein Londoner Polytechnikum führte einen einjährigen Versuchskurs durch, und seit ein paar Monaten kann jeder, der schnell lesen lernen will, für ein Pfund an einem der Fortbildungskurse teilnehmen. Ein Nürnberger Trichter ist die Methode allerdings nicht; man muß schon eine Menge im stillen Kämmerlein praktizieren. Zahlreiche größere Unternehmungen haben für ihre Leute Sonderlehrgänge veranstaltet, und nun sind auch die Minister unter die Schnelleseschüler gegangen.

Die Ergebnisse sind zufriedenstellend, und eine Steigerung des Lesetempos von 250 auf 600 bis 800 Worte ist nicht ungewöhnlich; im Durchschnitt wächst die Geschwindigkeit um 44 Prozent und die Auffassungsfähigkeit um 11 Prozent.

Ein Kursteilnehmer versicherte mir, daß das Schnellesen nach Belieben ein- und ausgeschaltet werden kann: „Es ist wie beim Autofahren“, meinte er. „Man schaltet zum Zweck einer bestimmten Lektüre den ‚Schnellgang‘ ein. Deswegen verlernt man das langsame, gemütliche Lesen keineswegs. Daheim im Klubsessel genieße ich einen Roman oder ein Gedicht im ‚ersten Gang’ – genau wie früher. Aber im Büro ist der Stoß der unerledigten Post schon ganz erheblich kleiner geworden.“ Egon Larsen