Von François Erval

Ich verstehe sehr gut, weshalb es in der Vergangenheit ein Theater gab. Heute gibt es mit noch Schauspieler, Bühnen, ein Repertoire um zahlreiche Vorwände zu mondänen Feierlichkeit ten. Wir verlängern mit viel zu viel Kosten das Leben eines Sterbenden. Das französische Avantgardetheater ist trotz der großen Begabung vor. Beckett und Ionesco nichts anderes als die Feststellung dieser Tatsache. Man sagt sich, daß es heute absurd ist, Theater zu spielen, und so verlangt man vom Theater nur noch, daß es seiner eigenen Widerspruch, sein eigenes Überleben darstellt.“

Ist dieses pessimistische Urteil, das Micha Butor vor einigen Wochen abgab, richtig! Überblickt man die eben beendete Pariser Theatersaison, so wäre man versucht, im ersten Moment dieser Kritik zuzustimmen. Wenige Eindrücke haften im Gedächtnis. Ist es aber mit der Literatur oder mit dem Film viel besser bestellt Sind Meisterwerke nicht immer Ausnahmen?

Es ist gewiß, daß sich das Theater heute mitter in einer Krise befindet. Ein gewisser Extremismus ist die erste Tatsache, die heute sofort auffällt: Früher gab es zahlreiche Stücke, die einen mäßigen Erfolg hatten und ungefähr hundertmal gespielt wurden. Theaterdirektoren, Schauspieler und auch Autoren waren nach diesen drei Monaten zufrieden.

Diese kleinen Erfolge sind beinahe ganz verschwunden. Entweder ist ein Stück heute ein großer Erfolg, oder aber es fällt völlig durch. Es gibt in Paris zwei Theater, die seit über fünf Jahren dieselben Stücke spielen: Marcel Achards „Patate“ wird seit sechs Jahren gegeben, zwei Einakter von Ionesco seit fünf Jahren, in einem allerdings winzigen Theater. Es handelt sich hier zweifellos um extreme Fälle, die aber ganz besonders bezeichnend sind. Marcel Achards Erfolg beweist, daß es noch immer ein Publikum gibt, das sich fürs Boulevardtheater interessiert, und Ionescos noch viel erstaunlichere Laufbahn, daß ein junges Publikum Neuigkeiten nicht verschmäht.

Aber weder das eine noch das andere, weder Boulevardtheater noch Avantgardestücke, bieten heute eine Garantie für den Erfolg. Es führte zu weit, alle gescheiterten Neuerungsversuche aufzuzählen; es lohnt sich aber, kurz bei den Mißerfolgen schon bekannter und beinahe „klassischer“ Autoren zu verweilen. In diesem Jahr mußten drei so bekannte Bühnenschriftsteller wie Marcel Aymé, Félicien Marceau und Jean Anouilh – ja, auch Jean Anouilh – erfahren, daß ihr Name nicht mehr genügt, um ihren Stücken die Gunst des Publikums zu sichern.

„Les Cailloux“ („Kieselsteine“) von Felicien Marceau und „Louisiana“ von Marcel Aymé verschwanden nach einigen Tagen vom Spielplan. Aymé entschloß sich, gegen das Urteil des Publikums Berufung einzulegen, und sein zweites Stück, „Les Maxibules“, weckte zwar keine Begeisterung, hielt sich aber immerhin bis zum Ende der Saison. Jean Anouilh erging es ähnlich: „La grotte“ („Die Grotte“) hielt sich nur einige Monate, aber sein zweites Stück, „La foire d’empoigne“ („Majestäten“), war bis vor einigen Tagen zu sehen.