Die Inflation der Pillen und Ampullen Hier wird das ärztliche Wissen überfordert

Von Herbert Herxheimer

In Westdeutschland zählt eine „rote Liste“ (ein vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie herausgegebenes Verzeichnis von über 1100 Seiten Umfang über 7000 verschiedene Marken-Arzneimittel auf. Sie alle stehen dem Arzt zur Behandlung seiner Patienten zur Verfügung. In Wirklichkeit ist die Zahl noch viel höher; der Katalog einer süddeutschen Firma nennt sogar 23 300 verschiedene Präparate. Kann bei einer solchen Auswahl der Arzt die Eigenschaften der Arzneimittel noch genau beurteilen? Wahrscheinlich weiß er nicht einmal die Namen, geschweige denn die Wirkung all dieser Präparate. Manche Sachkenner bezweifeln auch, ob bei dieser pharmazeutischen Flut, die aus den Forschungsstätten entlassen in die Produktion der großen chemischen Werke geht noch alle Medikamente ausreichend getestet und auf ihre pharmakologische Wirkung hin genügend geprüft worden sind.

Sobald eine neue Substanz und deren Heilwirkung bekannt wird, versuchen selbstverständlich andere Produzenten, an dem voraussichtlichen Erfolg eines neuen Heilmittels teilzunehmen. Da es jedoch aus kommerziellen und patentrechtlichen Gründen nicht ratsam ist, die gleich – Substanz zu vertreiben, werden durch kleine chemische Veränderungen am Grundstoff die originären Pharmazeutika modifiziert und somit „neue“ Präparate geschaffen. Aus einem ursprünglichen Produkt entwickelt sich in weiter Verzweigung bald eine ganze Familie von ähnlichen Substanzen. Schon wenige Jahre nach der Entdeckung des Schlafmittels Barbitursäure war die Zahl der Abkömmlinge dieses chemischen Stoffs auf weit über hundert gestiegen. Manchmal, so darf allerdings zugegeben werden, verbindet sich mit dieser Modifikation von Grundstoffen auch eine Verbesserung der Heilwirkung – aber dies ist doch relativ selten.

Die überstürzte Variation eines pharmakologischen Grundstoffes birgt aber große Gefahren in sich. Da die im Wettbewerb liegenden Firmen ihre ähnlichen Produkte ja möglichst schnell auf den Markt bringen müssen (um der Konkurrenz gewachsen zu sein), werden die experimentellen und klinischen Prüfungen des neuen Stoffs aufs nötigste reduziert. Mancher Hersteller ist beruhigt, wenn in seinem Präparat die Gefahr der Vergiftung für den Patienten ausgeschlossen ist; über die Dosierung (das A und O bei der Anwendung von Heilmitteln) macht er sich keine allzu großen Gedanken. Wie sollte aber der behandelnde Arzt mit solchen Medikamenten eine verantwortungsvolle Rezeptur vornehmen?

Der Doktor experimentiert

Ein eklatantes Beispiel ungenügender experimenteller Vorbereitung eines Medikaments hat sich kürzlich bei den Cortison-Körpern gezeigt. Fast gleichzeitig wurde von mehreren Herstellern das Dexamethason herausgebracht. Selbstverständlich versuchte jeder, seinen Konkurrenten zuvorzukommen. Man muß bezweifeln, daß alle Firmen die Zeit fanden, die Dosierung und Wirkungsänderung des neuen stärkeren Mittels gegenüber früheren Cortisonen zu erforschen. Die Hersteller verließen sich deshalb auf experimentelle Ergebnisse beim Tier und nahmen nur wenige klinische Tests am Menschen vor. Jede Firma kam daher zu ganz verschiedenen Dosierungen mit recht unterschiedlichen Tablettenstärken.