Beobachtungen und Gesprächeauf der Rostocker„Ostseewoche”

Von Lars Christian Jensen

Das Motorschiff Danmark ist das Fährschiff der Strecke Gedser – Warnemünde und hat Platz für rund tausend Passagiere. Bei der Überfahrt in der Nacht vom 6. zum 7. Juli war es etwa zu zwei Dritteln besetzt. Es waren eine Menge Leute an Bord, die zu den D-Zug-Wagen gehörten und nach Westberlin weiterfuhren. Andere waren mit ihren Autos auf der Reise in die Schweiz und noch weiter südwärts. Man weiß ja, daß der Weg Kopenhagen – Gedser – Warnemünde wesentlich kürzer für südwärts reisende Skandinavier ist als die Strecke über Großenbrode – Lübeck, und billiger ist sie auch. Es waren rund 650 Menschen an Bord; ich habe sie nicht genau gezählt. Ich hätte es allerdings getan, wenn ich geahnt hätte; daß ich am nächsten Tage im „Informationsdienst des Pressezentrums Ostseewoche 1962“ folgendes lesen würde:

„17 moderne Reisebusse standen bereit, als heute in den frühen Morgenstunden das dänische Fährschiff ‚Danmark‘ mit 800’ dänischen Touristen aus Gedser kommend in Warnemünde eintraf... Viele dänische Touristen waren bereits im vergangenen Jahr Gäste der Ostseewoche und wurden trotz der frühen Stunden an Land von deutschen Freunden und Bekannten willkommen geheißen. Gespräche unter Fachleuten entwickelten sich auch zwischen Bauarbeitern und Volkspolizisten sowie Motorsportfreunde aus Dänemark ...“

Abgesehen von dem sonderbaren Deutsch, das hier angewendet wird – denn man fragt sich, welcher Art Fachgespräche wohl Bauarbeiter und Volkspolizisten miteinander führen können – ganz abgesehen davon war das einfach Schwindel. Ein ebensolcher Schwindel wie die Meldung, daß mehr als 10 000 ausländische Gäste in diesem Jahre an der Ostseewoche teilgenommen hätten.

Die Trinkwasser-Ente

Auch die Meldung, es sei den Jungarbeitern Mathias Kapitzer, Uta Hinze und Hans Walter, Mitglieder des „Klubs junger Techniker“ der Mathias-Thesen-Werft in Wismar, gelungen, eine neue Aufbereitungsanlage für Trinkwasser zu konstruieren, war zumindest in ihrer Formulierung eine fette Ente. „Durch die neue Methode“, so las man, „kann jetzt aus Meereswasser Trinkwasser gewonnen werden.“ Das wäre freilich eine Sensation gewesen, die Erfüllung eines jahrhundertealten Traumes. Es stellte sich jedoch bei der Besichtigung dieser „umwälzenden“ Erfindung, die auf der 7. Industrie- und Landwirtschaftsmesse des Bezirks Rostock gezeigt wurde, heraus, daß es sich lediglich um eine längst bekannte Art der Silberionisierung von faulig gewordenem Süßwasser handelte. Das einzig neue daran war, daß die dazu notwendigen Geräte nun von den jungen Technikern aus Wismar selber gebaut werden sollen, anstatt daß man sie gegen Devisen importiert. Der Ingenieur, der uns das erklärte, war selber peinlich berührt von der Art, wie die Sache in der Presse der DDR aufgebauscht worden war.