Es ist ein großes Manko: das literarische Leben einer Zeit ist kaum je aufgezeichnet worden. Die Literaturgeschichten, welche dem vergangenen und gegenwärtigen Schrifttum gewidmet sind, beschreiben nur einen kleinen Sektor; registrieren fast ausschließlich die Werke der sogenannten schönen Literatur, die sich durchgesetzt haben, nebst Biographischem.

Ausgelassen ist die gewaltige Masse jener Bücher, die nicht zur großen Literatur gehören; erst in unseren Tagen hat man sich ihnen erfreulich energisch zugewandt – wenn auch vor allem dem negativen Aspekt, dem Kitsch.

Ausgelassen sind in den Literaturgeschichten: die „Sprech-Literaten“; Zeitschriften und Zeitungen; Kongresse, Tagungen und hochliterarische Skandale. Ausgelassen ist das Funk- und Fernsehspiel des Jahrhunderts – Spiel im weitesten Sinne des Worts. Es ist durchaus nicht immer auf einem niedrigeren Niveau als manches Werk, das von Hettner bis zu Scherer und der jüngsten Historie mitgeschleppt worden ist. Viele Romane, viele Gedichte, deren Klassifikationen die mehr oder weniger erzählenden Literatur-Lexika füllen, sind weniger von ästhetischer als zeitdokumentarischer Bedeutung: genau wie die kleine Literatur innerhalb und außerhalb des Massenvertriebs.

Und das gesprochene Wort gehört ebenso zur Literatur wie das geschriebene; nicht jedes geschriebene und nicht jedes gesprochene. Die Rhetorik spielt nicht mehr die Rolle von einst. Deutschland hat keine Plädoyers hervorgebracht wie das forensisch begabtere Frankreich. Und zu den großen Begabungen deutscher Professoren gehört nur ausnahmsweise die Rede; Fichte war solch eine Ausnahme, in unserem Jahrhundert Ernst Troeltsch. Aber es ist heute der Redende, nicht der Schreibende, der auf Kongressen, im Rundfunk und im Fernsehen für die Menge immer mehr der eigentliche Repräsentant des geprägten Worts wird. Es werden mehr Literaten gehört als gelesen. Um so mehr muß sich die Aufmerksamkeit dem literarischen Niveau der Sprecher zuwenden. Man darf vielleicht ohne Übertreibung sagen: die Pflicht des Redners zum literarisch geformten (nicht abgelesenen) Satz ist noch kaum entdeckt.

Das wird am deutlichsten bei jener Gattung, die heute in Deutschland im Flor ist: bei der Diskussion. Sie hat sich zu einer Epidemie entwickelt; es gibt gar nicht soviel Münder wie Veranstalter, die auf sie warten. Man kann, wie zu allem, auch dazu eine feine Ideologie machen. Und sagen: die Diskussion ist ein leuchtendes Symptom des Willens zur Demokratie. Und das ist, in abstracto, gar nicht falsch. Ihr Kern ist die Aussprache. In ihr setzt sich die Idee durch, daß die Meinung erst im Austausch der Meinungen zur Wahrheit wird. Jaspers sagte das auf seine Weise. Buber sagte dasselbe auf seine Weise. Kommunikation ist das große Wort der Lehre von der Demokratie in Aktion.

Wieweit die Wahrheit sich durchsetzt im Wettbewerb der Ansichten – das ist höchst problematisch; aber die Demokratie ist noch zu schwach, als daß man ihr zu sehr mit Skepsis zusetzen darf. In unserem Zusammenhang ist diese große Problematik weniger wichtig als die kleinere: wie sieht denn das Sprechen miteinander in den Gesprächen dieser Tage aus? Darf ich eine Vermutung wagen, so möchte ich annehmen: die Debatten von heute sind auf eine sehr schlichte Weise in die Welt gekommen; man soll diese Herkunft nicht mit dem vornehmen griechisch-demokratischen Wort agon (Wettstreit) vernebeln. Angesichts der Massenveranstaltungen entdeckte man, daß der Vortrag eines einzelnen in der Regel reichlich monoton ist; daß er belebt werden kann, wenn man ihn mit verteilten Rollen vortragen läßt. Viele Stimmen, viele Gesichter sind weniger ermüdend.

Was sich also als Auseinandersetzung gibt, ist oft nur die technische Zerlegung einer Einheit und täuscht Vielfalt nur vor. Und das ist noch der günstigste Fall. Denn in dieser mehrstimmig getarnten Einstimmigkeit sind die Stimmen immer noch gebunden. Diese Bindung fällt fort, wo wirklich ein Mit-einander-Reden angestrebt wird.