Adler, Kreuze, Fahnen, Farben – ihr Bedeutungswandel in den Jahrhunderten

Von Theodor Eschenburg

Unter den gegenwärtigen Symbolen deutscher Staatlichkeit ist der Adler das älteste. Der bewaffnete Adler war nach der antiken Mythologie als König der Tiere Symbol des Jupiter und wurde so zum römischen Staats- und Reichssymbol. Als Karl der Große im Jahre 800 zum Imperator und augustus – das sind die alten römischen Kaisertitel – erhoben wurde, übernahm er den Adler als Zeichen kaiserlicher Macht und Größe. Der einköpfige schwarze Adler auf goldenem Grund, zuweilen mit roten Klauen und rotem Schnabel, wurde mit dem Aufkommen der bildergeschmückten Schilder unter den Staufern zum Kaiser- und Reichswappen. Die amtlichen Wappenfarben waren schwarz und gold.

Kaiser Sigismund (1400–1437) setzte neben den einköpfigen Adler den Doppeladler, den Kaiser Friedrich II. schon benutzt hatte, und unterschied damit zwischen dem Zeichen der deutschen Könige und den vom Papst gekrönten Kaisern des Römischen Reiches deutscher Nation. Der Doppeladler wurde zum Hauptsymbol des Reichswappens, bis 1806 Franz II. auf Verlangen Napoleons die Kaiserwürde niederlegte und damit das Reich aufhört. zu bestehen. Den Doppeladler übernahm das österreichische Kaisertum. Noch einmal trat er in der deutschen Geschichte auf, als ihn die Frankfurter Nationalversammlung zum Reichswappen bestimmte. In der Volksvorstellung wirkte aber selbst nach Einführung des Doppeladlers und über 1806 hinaus der einköpfige Adler als das eigentliche Symbol des Reiches.

Seit dem 12. Jahrhundert erschien aber auch der Adler in Siegel und Schild einer Reihe der hervorragendsten Fürsten, und ebenso übernahmen Reichsstädte den Adler oder Doppeladler in ihr Wappen, um dadurch symbolisch ihrer Reichsunmittelbarkeit Ausdruck zu geben. Kaiser Friedrich II. hatte dem Hochmeister des Deutschen Ordens, Hermann von Salza, das Recht verliehen, in seinem schwarzen Hochmeisterkreuz auf weißem Feld den schwarzen Adler zu führen. Als nach der Reformation 1525 das preußische Ordensland säkularisiert und in das Herzogtum Preußen umgewandelt wurde, verschwand das Kreuz aus dem Wappen; es blieb der Adler auf weißem Grund.

Dieser Adler wurde zum Wappen des Königreichs Preußen, nachdem Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg – dessen Vater, der Große Kurfürst, die Souveränität über das Herzogtum Preußen erworben hatte – den Titel eines Königs in Preußen angenommen hatte. Je mehr Preußen an Macht gewann, desto größer war die symbolische Wirkung seines Adlers, der sich mehr an die Form des staufischen Adlers annäherte, der straffer und sehniger, künstlerisch schöner war als der pompöse Doppeladler.

Seit dem 12. Jahrhundert trat mehr und mehr die Fahne als Heerzeichen in den Vordergrund. Auf dieser erschien das Kreuz als Heilszeichen des Christentums, und zwar zunächst das goldene, später – wegen der besseren Sichtbarkeit – das weiße Kreuz auf rotem Grund. Die rot-weißen Farben zeichneten sich nicht nur durch Schönheit und Sichtbarkeit aus, sie galten, weil sie die Farbe des Reichspaniers waren, wie der Adler als Ausdruck reichsunmittelbarer Stellung oder entsprechender Forderungen.