"Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?" – "Aber nein, ganz im Ernst: Der Mann verkauft tatsächlich Luft, ganz einfach Berliner Luft." – "Ach, gehn Sie mir bloß weg, das ist doch Blödsinn!" – "Aber die Zeitungen haben doch sogar darüber berichtet!" – "Was für Zeitungen?" – "Zum Beispiel die Bild-Zeitung." – "Also doch Blödsinn..." – "Bitte, gehen Sie hin und überzeugen Sie sich."

Ich zögerte einen Augenblick, bevor ich mich entschließen konnte, auf den Klingelknopf in der Westberliner Mommsenstraße zu drücken. Das schien mir das normale Berufsrisiko eines Journalisten denn doch zu übersteigen. Wer läßt sich schon gern für dumm verkaufen? Die Sache mit der Berliner Luft, die ja jemand für 1,50 DM (!) verhökern sollte, ließ mich auf der anderen Seite nicht mehr los. Also gab ich mir einen Ruck und nahm mir ein Herz, wie man so sagt.

Im 4. Stock, links, tut sich mir die Tür zu einer ganz normalen, leicht unterwohnten, aber doch sauberen Mietwohnung auf. "Guten Tag, bin ich hier recht... ?" Ich bin recht. Eine perfekte Familienidylle, so, wie man sie an Sonntagvormittagen überall antreffen kann; aber noch immer keine Spur von Luft-Vertriebsunternehmen. Ein junges Elternpaar, er 29, sie 26 und Söhnchen Tobias mit anderthalb. "Sie entschuldigen, ich komme mit einer ganz dummen Frage zu Ihnen..." Schon verziehen. Die Frage ist nämlich gar nicht so dumm. Herr Dipl.-Ing. Luitpold St. verkauft tatsächlich Berliner Luft! Mir fällt ein Stein vom Herzen. Die Berufsehre wäre (wieder einmal) gerettet.

Eine halbe Stunde später bin ich bereits in alle Be- und Vertriebsgeheimnisse eingeweiht. Ich habe es mit einem ausgesprochen publizitätsfreudigen "Unternehmer" zu tun. In der einen Hand halte ich eine Büchse mit Berliner Luft, mit der anderen blättere ich in einem Aktenbündel. Während ich mir das Aktenzeichen notiere (95 MR 2171 MZ), unter dem die Berliner Luft am 30. Dezember 1961 als "Geschmacksmuster" beim Amtsgericht Charlottenburg eingetragen worden ist, plaudert mein Dipl.-Ing. mit unverkennbar münchnerischem Akzent munter drauflos: "Wissen Sie, die Schwierigkeit bestand darin, daß sich Luft als solche nicht schützen läßt, auch nicht patentfähig ist." Nach einigem Hin und Her (Schriftwechsel nennt man das, glaube ich) verstand sich das Amtsgericht schließlich zu der Eintragung: "Behälter verschiedener Größe, Abmessung und Form aus Blech oder anderem Material mit einer Aufschrift versehen, Inhalt ‚Original Berliner Luft‘, außerdem mit typischen Berliner Motiven oder mit Berliner Sprüchen und Redensarten." Wahrhaftig ein Meisterstück juristischer Formulierkunst! Schutzfrist; drei Jahre.

"Die Idee kam meiner Frau Isolde abends im Bett." – "Hm." – "Ursprünglich hatten wir an Spreewasser oder so gedacht; aber dann wären die Frachtkosten zu sehr in die Höhe gegangen ..." In der Tat. Luft ist leichter. Das sehe ich ein. Die einzige produktionstechnische Schwierigkeit bestand darin, das Loch – "sehen Sie, hier, wo sonst die Milch ’reinkommt" – zu verschließen. Das Problem wurde auf geradezu genialische Weise gelöst, nämlich mit Klebstoff und Konfetti, wie es bei einem Locher abfällt.

Diplomingenieur müßte man sein! "Da ich Fertigungsingenieur bin, sind wir von Anfang an nach streng arbeitswissenschaftlichen Gesichtspunkten, zu Werke gegangen." – "Aha." – "Ich trage den Leim auf, und meine Frau pickt das Papier drauf." Wenig später, als ich meine Taschen mit Berliner Luft füllen will und der Vorrat nicht reicht, habe ich Gelegenheit, den Fertigungsprozeß zu verfolgen. Der Küchentisch wird mit einer Zeitung belegt. Herr und Frau St. nehmen daran Platz. Der Maschinenpark besteht aus einem Pappkarton mit Locher, Leim, Buntpapier und einem feuchten Läppchen. Das feuchte Läppchen dient dazu, etwaige Leimspuren von der Büchse zu entfernen: "Für eine Mark und fünfzig muß man schließlich Qualität liefern." (Diesen Kommentar habe in mir – auf Ehre – nicht aus den Fingern gesogen). Die Kondensmilchbüchse wird mit einer schwarzweißen, säuberlich gedruckten Banderole umgeben mit diversen Aufschriften, darunter: "In der verschlossenen Dose bleibt die original Berliner Luf: nahezu unbegrenzt dufte." Und: "Inhalt: ca. 180 ccm."