Am 1. August schrieben zwei Männer folgender Brief an die Times: „Sir – Einer von uns ist ein Jude, der daher aus Gründen der Abstammung ebenso wie aus allgemein-menschlicher Gründen, alles verabscheut, was Sir Oswald Mosley repräsentiert. Der andere ist vor kurzem in-House of Lords dafür eingetreten, Versammlungen, die für Rassenhaß agitieren, als ungesetzlich zu erklären. Vor diesem Hintergrund protestieren wir mit all unserer Kraft gegen die Gewalttätigkeit, die gestern an der Person von Sir Oswald Mosley verübt wurde...“ Die Verfasser des Briefes waren Victor Gollancz und Lore Longford, der unter seinem früheren Namen Lore Pakenham britischer Hoher Kommissar in Deutschland war.

Die Ereignisse, auf die der Brief sich bezieht, haben sich am 31. Juli in der Ridley Road in London abgespielt. Dort im Eastend-Bezirk Dalston, in dem viele Juden leben und neuerdings auch farbige Einwanderer, hatte Oswald Mosley angekündigt, er werde an diesem Abend eine Versammlung seines Union Movement abhalten Lange vor der Zeit hatten sich Tausende von Menschen eingefunden, offenbar fest entschlossen, die Mosley-Versammlung mit Gewalt zu verhindern. Sie wurden von einem großen Polizeiaufgebot, 300 „Bobbies“ und ein Dutzend berittener Polizisten, in die benachbarte Kingsland High Street abgedrängt.

Aber als der 65jährige Mosley um acht Uhr erschien und, gefolgt von seinen Paladinen, zu dem Lkw ging, von dem aus er sprechen sollte, wurde er trotz des Polizeikordons sofort niedergeschlagen. Es gelang ihm zwar, sich wieder zu erheben und zum Mikrophon hinaufzuklettern. Doch der Lärm war so groß, daß er sich nicht verständlich machen konnte, und da die Menge eine immer drohendere Haltung einnahm, löste der verantwortliche Polizeioffizier die Versammlung nach wenigen Minuten auf. Die Polizei bahnte ihm den Weg zu seinem Auto, aber der Wagen konnte sich kaum vorwärtsbewegen, er wurde mit einem Hagel von Geschossen beworfen, erregte Menschen traten ihn mit Füßen und schlugen mit Fäusten auf die Karosserie ein.

Zwei Tage vorher, am Sontag, 29. Juli, hatte Mosley vierzig Anhänger und fünf Trommler aus London nach Manchester gebracht; auch dort schon ein Hagel von Kohlköpfen, Tomaten und faulen Orangen, auch dort schon wurde Mosley zu Boden geschlagen und die Versammlung nach wenigen Minuten abgebrochen.

Das gleiche Bild eine Woche zuvor am Sonntag, dem 22. Juli, auf dem Trafalgar Square. Und auch am Sonntag, dem 1. Juli, nur war damals Sir Oswald Mosley nicht dabei, sondern Colin Jordan, ein – gegenwärtig suspendierter – Schullehrer aus Coventry leitete die Veranstaltung. Er kleidet seine Getreuen, die sich British National Socialists nennen, in Braunhemden, geschmückt mit „Sonnenrädern“ und Hakenkreuzen. Unter Rufen wie „Nazigesindel“ und „Jordan an den Galgen“ kam es damals zu tätlichen Ausschreitungen, und auch diese Versammlung mußte vorzeitig aufgelöst werden.

Eine solche Übersicht erweckt einerseits den bedrückenden Eindruck, daß der Neo-Faschismus in England Blüten treibt, andererseits den beglückenden Eindruck, daß die Masse des Volkes auf der Hut ist. Beide Eindrücke sind irreführend. Colin Jordans British National Socialists zählen weniger als hundert Mitglieder, wie Innenminister Brooke im Unterhaus bekanntgab („eine Handvoll krimineller Psychopathen“, hieß es im Parlament); eine andere Gruppe, die sich British National Party nennt, ist selbst nur ein Splitter des Union Movement; und dieses, die „Bewegung“ Sir Oswald Mosleys, hat nicht einmal einen einzigen Sitz in irgendeiner Gemeindewahl errungen, geschweige denn einen Sitz im Parlament.

Unter allen Menschen dieses „lunatic fringe“, dieses Randbezirks des Wahnsinns, ist Sir Oswald Mosley der einzige, dessen Namen einen Klang hat – wenn auch einen hohlen und häßlichen. In den ersten Jahrzehnten seines Lebens ließ sich alles ganz gut an: Aristokrat, reich, gut aussehend, rednerisch begabt, Schüler der großen Public School von Winchester – der Start konnte nicht besser sein. Er diente im Krieg und bewährte sich. Er heiratete die Tochter des großen Lord Curzon, des britischen Außenministers. Mit 25 Jahren war er bereits konservativer Abgeordneter im Parlament. Männer wie Lloyd George und Winston Churchill hielten große Stücke auf ihn.