Von Hermann Riedle

Vor einigen Monaten noch bedurfte es einer Fernsehrede des Wirtschaftsministers, um die Öffentlichkeit aufzurütteln und ihr die krisenhaften Symptome in unserer Wirtschaft zum Bewußtsein zu bringen. Heute vermag schon ein Brief, ein „interner“ Brief überdies, die gleiche Wirkung zu tun. Wir reagieren also – so darf wohl aus den Ereignissen gefolgert werden – heftiger auf „Anrufe“ als ehedem. Bedeutet dies, daß wir auch die Krankheitszeichen in der Wirtschaft heute klarer erkennen als noch vor wenigen Wochen?

Den schockierenden Brief, der die Schlagzeilen der Presse von links bis rechts für sich gewann, schrieb der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Dr. H. C. Paulssen, an seine Mitglieder. „Er vergiftet die Atmosphäre, in der die Sozialpartner zu verhandeln haben!“, lamentieren die einen – „Recht hat er!“ rufen die anderen.

Sicher ist: die heftige öffentliche Reaktion legt manche unterschwelligen Gefühle und Meinungen bloß, die in breiteren, aber auch in einflußreicheren Kreisen des deutschen Volkes an Bedeutung gewinnen. Landauf, landab wächst die Unsicherheit hinsichtlich des künftigen Verlaufs der Wirtschaftskonjunktur; verbreitet ist der Versuch, die eigene Ratlosigkeit in wirtschaftspolitischen Dingen einfach hinter erhöhter Agressivität zu verbergen.

Zeichnen wir doch einmal den Fall in der nüchternen Sprache des Wirtschaftlers!

In jenem Brief drückt Präsident Paulssen seine Befürchtungen über den Ausbruch weiterer Lohnstreitigkeiten aus. Soweit die Tarifkündigungen schon ausgesprochen sind, stehen Lohnforderungen von zehn, zwölf und mehr Prozent zur Diskussion. Diese Forderungen können aber ohne Preisanpassungen bei den Gütern nicht erfüllt werden. Preissteigerungen sind jedoch ganz schlicht einer Geldentwertung gleichzusetzen, was für alle gleichermaßen gefährlich ist. Der Ratschlag Paulssens an seine Arbeitgeberkollegen ist deshalb hart: Den „unvertretbaren“ gewerkschaftlichen Forderungen muß mehr Widerstand entgegengesetzt werden; auch Drohungen dürfen die Unternehmer in ihrer Solidarität nicht schwächen. Sie sind die Hüter der wirtschaftlichen Stabilität.

Sein Rat kann – das sieht Paulssen voraus – zu Arbeitskämpfen führen. Um den möglichen Auseinandersetzungen einiges an Schärfe zu nehmen, empfiehlt die Bundesvereinigung eine gewisse Beschränkung der Tarifautonomie: Ein Sachverständigengremium soll in Zukunft bei Lohndisputen ein volkswirtschaftliches Urteil fällen und ein gesetzlich verankertes Schlichtungsverfahren die Lohnkämpfe, wenn irgend möglich, friedlich beilegen.