Adam Opel würde sich verwundert die Augen gerieben haben, wenn er am 14. August dem Jubelfest des Werkes, das seinen Namen trägt, beigewohnt hätte. Es steht zu vermuten, daß er sich trotz Orientierungsplan und umfangreichem Informationsmaterial schwerlich zurechtgefunden hätte, weder in seinem Heimatstädtchen Rüsselsheim noch in „seinem“ Werk. Am allermeisten aber dürfte er sich über seinen „unternehmerischen Weitblick“ gewundert haben, der da in sieben von acht Festreden gepriesen wurde. Erst als sein Enkel, Dr. h. c. Georg von Opel, sich schnellen Schritts dem Rednerpult näherte, dürften seine Augen zu glänzen begonnen haben...

„Unser Großvater war ein einfacher Mann.“ Diese Charakterisierung durch seinen Enkel würde sich Adam Opel wohl noch am ehesten gefallenlassen haben. In Verbindung mit dem Hinweis auf sein Glück und seine Frau Sophie, ohne deren Geschäftstüchtigkeit und strenges Regiment das Werk den Mann kaum überlebt hätte.

Die Gazetten haben sich die Geschichte von dem alten Kuhstall, in dem Adam Opel vor hundert Jahren seine erste Nähmaschine zusammenbastelte, nicht entgehen lassen – ebensowenig die Anekdoten, die sich darumranken. Es hat in der Tat etwas Rührendes, die Geschichte eines industriellen Mammutunternehmens mit einem Werksgelände von 2,4 Millionen Quadratmetern und 35 000 Mitarbeitern auf einen alten Stall und einen ehrbaren Handwerksmeister zurückzuführen. Indessen, der Respekt vor der Geschichte gebietet es, daran zu erinnern, daß das erste Automobil in Rüsselsheim erst drei Jahre nach dem Tode Adam Opels – nebenbei, gegen dessen Willen – gebaut worden ist.

Das schmälert nicht im geringsten das Verdienst dieses Pioniers, zeigt aber zugleich die Grenzen unternehmerischen Weitblicks und darüber hinaus allgemein menschlichen Vorstellungsvermögens. Adam Opel dürfte auf die im Jahre 1890 in Rüsselsheim gebauten 2000 Fahrräder nicht minder stolz gewesen sein als Vorstand und Belegschaft der Adam Opel Aktiengesellschaft auf die im Jahre 1961 hergestellten 382 738 Automobile. Wichtiger noch als eine stolze Geschichte erscheint jedoch die Zukunft eines Werkes.

Mister Frederic G. Donner, Aufsichtsratsvorsitzer der General Motors Corporation und angeblich höchstdotierter Firmenchef der Welt, beschwor den fröhlichen Optimismus seiner schwäbischen Großmutter, in deren Namen er zu sprechen meinte, als er sagte: „Die ersten, hundert Jahre sind die schwersten, die nächsten werden eine Kleinigkeit sein.“ Unser Herr Wirtschaftsminister, Professor Erhard, schien den Konzerngewaltigen aus Detroit in seinem Optimismus noch bestärken zu wollen: „Wenn man für einen Industriezweig eine gute Prognose stellen kann, dann ist es die Automobilindustrie!“

Ob diese Prognose für die nächsten hundert Jahre Geltung hat, wird man füglich bezweifeln dürfen. Wird das Automobil in zwanzig Jahren womöglich das Schicksal des Fahrrades erleiden, dessen Produktion im Jahre 1937 in Rüsselsheim eingestellt wurde? Noch scheint man sich hierüber keine Gedanken zu machen. Vielleicht wäre es nicht einmal sinnvoll. Wie sagte doch Minister Erhard – unter Anspielung auf planwirtschaftlichen Aberglauben? „Wenn jemand in der Automobilindustrie die derzeitige Entwicklung geplant hätte, wäre er für verrückt erklärt worden!“

Wir werden die Dinge also auf uns zukommen lassen müssen. Im Vertrauen darauf, daß ein Unternehmen wie die Adam Opel Aktiengesellschaft die Zeichen der Zeit richtig und rechtzeitig zu deuten vermag. Willi Bongard