H. P. G., Montevideo, im August

Es ist jetzt ein Jahr her, seit in Punta del Este die „Allianz für den Fortschritt“ geschaffen wurde – jenes Bündnis der amerikanischen Staaten, das sich zum Ziel gesetzt hat, die zwanzig Länder Lateinamerikas binnen zehn Jahren auf dem Wege demokratischer Evolution zu reformieren. Aber bisher hat die Allianz für den Fortschritt nicht eben überwältigenden Fortschritt gemacht.

Gewiß steckt in dem gewaltigen Unterfangen eine „historische Kraft“, wie es der US-Koordinator der Allianz, Theodoro Moscoso, einmal formulierte. Jüngst hat er indes auch von den „erschreckenden und erschwerenden Hindernissen“ gesprochen, die diesem Unterfangen entgegenstehen: „Die Verteidiger des Status quo widersetzen sich der friedlichen Strukturänderung; andererseits sehen die Anhänger der gewaltsamen Revolution in ihr eine Bedrohung ihrer Ziele...“

In der Tat geht der Widerstand gegen das große Werk der Förtschrittallianz von den beiden Extremen aus: von der herrschenden Oligarchie auf der radikalen Rechten, die demokratischen Reformen abgeneigt ist, und sich vor ihr in Militärdiktaturen flüchtet, und von der radikalen Linken kommunistischer und fidelistischer Färbung, die der Parole „Evolution“ ihren klassenkämpferischen Schlachtruf „Revolution“ entgegenschleudert.

Die Rechte klammert sich weiterhin an ihre ererbten Privilegien. So ist es zu erklären, daß trotz aller Diskussionen bis heute noch keine Regierung einen Plan für die Landreform – die Grundvoraussetzung für das Gelingen der Allianz – vorgelegt hat. In Argentinien konnte nicht einmal Frondizi daran denken; in Peru hatte Ministerpräsident Pedro Beiträn – selbst ein Großgrundbesitzer – dem Parlament einen Entwurf zugeleitet, ihn dann aber in einer Kommission versanden lassen; in Brasilien leistet das Parlament, dem Dutzende von Entwürfen vorliegen, Widerstand.

Auf der anderen Seite kämpfen Kommunisten und Fidelisten erbittert gegen die Allianz für den Fortschritt, weil sie, hätte sie Erfolg, dem Klassenkampf den Boden entziehen würde. Die Allianz kann daher aufrichtige Unterstützung nur von Politikern erwarten, die auf der gemäßigten Linken stehen. Typische Vertreter dieser Richtung sind Betancourt in Venezuela, Haya de la Torre in Peru, Frondizi in Argentinien und Kubitschek in Brasilien.

Die Staatsstreiche in Argentinien und Peru wie die anhaltende Unsicherheit in Brasilien bedeuten für die Fortschrittsallianz daher einen doppelten Rückschlag. Sie haben gerade jene Männer beseitigt, die sich klar zu den USA bekannten, und sie stehen im Widerspruch zur Demokratisierung des Kontinents.