EWG ist nicht an allem schuld – Von der Dreifelderwirtschaft zum Veredelungsprodukt,

Von Günther Weinschenck

Unter den mit der Bildung der EWG verbundenen Problemen nehmen die agrarwirtschaftlichen Fragen einen breiten Raum ein. Das ist vor allem auf die unterschiedlichen Methoden der Agrarpolitik zurückzuführen, mit denen die einzelnen Länder versucht haben, das überall auftretende Problem der Integration der Landwirtschaft in eine hochentwickelte Industriegesellschaft zu lösen. Der Vertrag von Rom sieht eine Angleichung dieser Methoden vor und verlangt im Artikel 43 die Festlegung gemeinsamer Grundzüge der Agrarpolitik.

Die deutsche Landwirtschaft sieht der Erfüllung dieser Forderung mit überwiegend pessimistischen Erwartungen entgegen. Diese richten sich vor allem auf das zukünftige europäische Agrarpreisniveau. Gegenwärtig sind die deutschen Agrarpreise um 25 bis 30 % höher als die Preise für landwirtschaftliche Produkte in Frankreich, Holland und Dänemark, und es besteht kein Zweifel, daß die gestehenden Unterschiede bei Erreichen der Endstufe des Gemeinsamen Marktes ausgeglichen sein müssen.

Die Agrarprobleme, die sich aus der Bildung des Gemeinsamen Marktes ergeben, resultieren jedoch nicht vornehmlich daraus, daß es notwendig sein wird, gewisse Korrekturen an den nationalen Preisen vorzunehmen. Sie sind vielmehr darauf zurückzuführen, daß die Landwirtschaft in die kritische Phase eines durch die wirtschaftliche Entwicklung bedingten Anpassungsprozesses eingetreten ist, in dessen Verlauf die Agrarstruktur und die Organisation der Betriebe tiefgreifende Veränderungen erfahren.

Die dabei auftretenden Härten und Schwierigkeiten wären größtenteils auch ohne die EWG entstanden. Durch den Zusammenschluß der nationalen Volkswirtschaften wird ihre Lösung allerdings mindestens kurzfristig erschwert, weil die Möglichkeiten der einzelstaatlichen Agrarpolitik eingeengt werden und der Wettbewerb sich vor allem auf den für die Einkommensbildung wichtigsten Märkten der Veredelungsproduktion wahrscheinlich verschärfen wird.

Um Art und Ausmaß des der Landwirtschaft aufgegebenen Anpassungsprozesses zu verdeutlichen, ist es notwendig, die Rolle zu betrachten, die der Agrarproduktion in den verschiedenen Stadien des gesamtwirtschaftlichen Wachstumsprozesses zufällt.