Ein offensichtlich in Zeiten von Notverordnungen groß gewordener Geist brachte in der DDR die Buch-Geschenkverordnung vom 5. August 1954 zustande, welche „legal“ dafür sorgt, daß nicht etwa ein ungebetener westlicher Pegasus sich auf den Weiden des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernarkadiens tummelt. Es ist seitdem nicht mehr so ganz einfach, von München oder Hamburg aus einem Freund in Erfurt oder Magdeburg ein Buch auf den Weihnachtstisch zu legen. Bücher haben endlich wieder ein geregeltes Schicksal.

Da niemand sonderlich daran interessiert ist, Bücher zu verschicken, die ihm der Postbote ein paar Tage später wieder ins Haus bringt, macht er sich also auf den Weg, um die Paragraphen der Geschenkverordnung zu studieren. Über das rechte Wesen dieser Welt belehrt, begibt er sich voll banger Erwartung in seine Buchhandlung. Trotz allem ist ja noch Hoffnung, etwas in den Regalen aufzustöbern, das durch die engen Maschen des Kultursiebes fallen könnte. Und siehe da, John Steinbecks „Früchte des Zorns“, was wäre dagegen einzuwenden? Doch drei Wochen später werden die Früchte zu Ursachen gerechten Zorns. „Zurück! Sendung wird wegen Nichteinhaltung, der Geschenkverordnung vom 5. August 1954 zurückgegeben“ – so liest man auf dem amtlichen Zettel. Für was, fragt man sich, wurdeSteinbeck nun gehalten – für einen Faschisten oder einen Militaristen? Um die Verwirrung vollkommen zu machen, belehrt einen die Neue Zeit (Nr. 88, 13. April 1962)-auf Seite 4 wie folgt: „Zum 60. Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers John Steinbeck, weltberühmt vor allem durch seinen Roman ‚Die Früchte des Zorns‘, fand im Haus der Moskauer Schriftsteller eine Festveranstaltung statt.“ „Für mich ist Steinbeck einer der markantesten Vertreter der amerikanischen Literatur, zwischen den beiden Weltkriegen. Die Gestaltung wirklicher Menschen, der Kampf für den Frieden und unbändiger Haß gegen den Krieg sind die hervorstechenden Merkmale seiner Kunst“, sagte Ilja Ehrenburg in der Eröffnungsansprache. Den Kontrolleuren war Steinbecks Friedenskampf offenbar entgangen.

Auf dem Buch lag gerade der erste Staub, als ein vertrauensvolles Mädchen in Mitteldeutschland auf die Idee kam, dem verhinderten Schenker ein Buch zu schicken. Er solle doch ein paar Worte hineinschreiben, da sich an dieses Bändchen gemeinsame Erinnerungen knüpften. Nachdem das Buch gut über den Stacheldraht gekommen war, setzte sich unser Freund hin, schrieb die netten Worte hinein und schickte es am 17. April zurück. Anfang Mai bradite es ihm der Postbote wieder. Links unten ein Stempel: „Zurück! ...“, rechts der Dreieckstempel der Kontrolle Leipzig vom 26. April 1962. Außerdem noch drei weitere Stempel: 17, 42 und 413 über der Anschrift. Ein dickes B gesellte sich zu ihnen. Ob das wohl das Warnsignal für „Buch“ war? Der Titel mußte schuld gewesen sein. „Amerikanische Kurzgeschichten von Irving bis Crane.“ Sie gehörten zwar nicht zu Ehrenburgs markantesten Vertretern zwischen den beiden Weltkriegen, dafür hatten sie 1957 in der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig in einer Auflage von 10 000 das Licht der Welt erblickt. Die Zensoren waren einverstanden gewesen und das Publikum auch. Schon vor der Auslieferung lagen die Bestellungen über der Auflage. Damals hatte die in Karl-Marx-Stadt erscheinende Zeitung Die Union (10. April 1958) noch gestrahlt: „Dies ist mehr als ein spannendes Buch. Es ist eine Brücke der Verständigung zu einem großen Volk jenseits des Ozeans.“ Diesen Brückenschlag von 1958 hatten die Kontrolleure von 1962 mit vielen Stempeln sorgfältig wieder rückgängig gemacht.

Wo da die Logik sei – wenigstens die Logik? Vielleicht verrät sie folgende wahre Begebenheit.

Vor Jahren fuhr ich mit einem Genossen zu einer SDS-Tagung nach Berlin. Er hatte zwei Bücher bei sich: George Orwells „Farm der Tiere“ und Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“. „Das geben Sie her“, sagte der Polizist.

„Wieso? Das ist Tucholsky!“

„Was heißt hier Tucholsky. Deutschland, Deutschland über alles ... Das kommt nicht rein in unsere Republik. Das landwirtschaftliche Buch da, das können Sie behalten...“ n. e.