In Leipzig wurden jetzt die X. Europameisterschaften im Schwimmen mit allem Pomp durchgeführt. In holder Eintracht nahmen die Mannschaften von 23 europäischen Ländern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs daranteil. Nur die Schwimmer der Bundesrepublik fehlten – mußten fehlen. Da sie nicht nach Leipzig fahren konnten, flogen sie in die Vereinigten Staaten, um dort zu starten.

Ein typisches Zeichen der deutschen Schizophrenie – so heißt wohl in solchem Fall die parat gehaltene Formel. Aber die Deutschen mögen an mancherlei leiden, am Spaltungs-Irresein leiden sie bestimmt nicht, wenn auch manche Maßnahmen, die aus der brutalen Teilung ihres Landes resultieren, wie Wahnsinn anmuten, der nur Methode hat.

Die internationalen Sportverbände halten nach wie vor an der Fiktion fest, der Weltsport könne unpolitisch bleiben. Man mag über die Einfalt und Kurzsichtigkeit westlicher Sportfunktionäre zetern, ändern wird man ihre Einstellung vorläufig nicht können. Nachdem es der „Zone“ gelungen war, in fast allen internationalen Sportorganisationen als selbständiger Verband anerkannt zu werden, war der Zeitpunkt zur Durchsetzung einer Art Hallstein-Doktrin endgültig vorbei. Die Dortmunder Beschlüsse – spontan nach Errichtung der Mauer gefaßt –, die praktisch einen Abbruch der gesamtdeutschen Sportkontakte herbeiführten, erweisen sich deshalb auf dem internationalen Feld der Sportpolitik oft als Handikap. In den NATO-Ländern gab es zwar von seiten der staatlichen Instanzen Schützenhilfe – die Zonensportler erhalten kein Einreisevisum –, aber eben nicht von seiten der Sportorganisationen. Diese beschlossen im Verein mit den Neutralen und dem Ostblock, in Zukunft keine Europa- und Weltmeisterschaften mehr an solche Länder zu vergeben, bei denen nicht gewährleistet sei, daß alle Mitglieder, also auch die Sportler der „DDR“ teilnehmen könnten. Das bedeutet, daß, solange das Einreiseverbot besteht, in NATO-Ländern keine internationalen Meisterschaften mehr stattfinden werden. (Es bedeutet allerdings auch, daß man die Asien-Spiele in Djakarta, da Herr Sukarno Israels und Nationalchinas Sportler nicht nach Indonesien hereinließ, als Titelkämpfe nicht anerkennt.)

In weitaus den meisten Sportarten treten also auf der internationalen Bühne zwei deutsche Sportmannschaften an, eine mit dem Bundesadler und eine mit Hammer und Zirkel im Ährenkranz. Nur die Leichtathleten, die Mitte September in Belgrad ihre Europameister küren, und die Ruderer, die eine Woche vorher auf dem Rotsee bei Luzern um die Weltmeisterschaft kämpfen, haben durch Ausscheidungskämpfe auf außerdeutschem Boden oder Wasser eine gesamtdeutsche Mannschaft ermittelt. Diese Tatsachen muß man kennen, will man sich in dem Dickicht des gesamt- oder separat-deutschen Sports einigermaßen zurechtfinden.

Der Deutsche Schwimmverband in der Bundesrepublik, der sich durch die Dortmunder Beschlüsse automatisch von einer Teilnahme bei den X. Europameisterschaften in Leipzig ausgeschlossen sah, wollte nun aus der Not eine Tugend machen, als er seine Expedition nach den USA rüstete. Wenn schon Gerhard Hetz – so wähnte man wohl – auf einige Europameistertitel in Leipzig verzichten mußte, so sollte er sich in Amerika mit noch größerem Ruhme schmücken. Was da aber der Deutsche Schwimmverband unternahm, war verwegen, ja tollkühn. Im Schwimmen sind heute die Amerikaner in der Welt noch überlegener als vor ihnen die Australier und Japaner. Nur Murray Rose aus dem fünften. Kontinent ist noch eine Säule von der verschwundenen Pracht. Er wird zwar nicht stürzen über Nacht, aber er studiert in Kalifornien und wird schon als halber Yankee angesehen. Der Abflugtermin, den man für das halsbrecherische Unternehmen, an den internationalen amerikanischen Meisterschaften in Akron teilzunehmen, wählte, war denkbar ungünstig. Während früher bei Sportreisen von Kontinent zu Kontinent die Frage der Akklimatisation im Vordergrund der Überlegung stand, ist es bei den heutigen Flugreisen der gestörte Tag-Nacht-Rhythmus, der in den ersten Tagen nach der Ankunft vielen, nicht allen, arg zu schaffen macht. Der Deutsche Sportbund sollte einmal veranlassen, daß die vorliegenden Forschungsergebnisse verwertet werden und entsprechende Richtlinien an die Fachverbände weitergegeben werden.

Mit diesem Handikap hatte Gerhard Hetz gegen seinen ersten Gegner, den Amerikaner Stickleses, im 400-m-Lagen-Schwimmen keine Chance. Über 200-m-Kraul kam er nicht einmal ins Finale. Stickleses schwamm seinen gesamten Vorsprung von über 6 Sekunden fast ausschließlich auf der 100-m-Bruststrecke, der großen Schwäche von Gerhard Hetz, heraus. Dabei war gerade das Brustschwimmen einst eine deutsche Domäne. Am vorletzten und letzten Tag der amerikanischen Meisterschaften erreichte kein deutscher Schwimmer auch nur einen Endlauf. Die Amerikaner glänzten indes mit großartigen Weltrekorden. Tom Stock im 100m- und 200-m-Rückenschwimmen mit 1 : 01 min und 2 : 11,5 min, der 17jährige Schüler Carl Robie mit 2 : 10,8 min über 200-m-Butterfly, Don Schollander über 200-m-Kraul mit 2 : 00,4 min und Jastremski über 200-m-Brust mit 2 : 30 min. Trotzdem erschwamm sich der Schriftsetzer aus Hof besonders auch über 1500-m-Kraul gegen Rose einen Achtungserfolg, und er war bescheiden genug zu erklären, er habe auf dieser Reise viel gelernt. Die einzige amerikanische Meisterschaft für die deutsche Mannschaft holte sich Wiltrud Urselmann vor der überraschend guten Inge Feuerstack.

Wodurch sind die Amerikaner nun derart überlegen? Einmal, wie auch in der Leichtathletik, durch den Typus des College-Athleten, jenes Antipoden des Staatsamateurs östlicher Prägung, dann aber auch durch ein intensiveres und systematischeres Training, das eine sinnvolle Kombination von Ausdauer, Geschicklichkeit und Krafttraining darstellt. Das geheimnisumwitterte „Isometrische“ Muskeltraining ist eine spezielle Form des Krafttrainings, das sich auch experimentelle Resultate des deutschen Arbeitsphysiologen Prof. E. A. Müller und seines Assistenten Dr. Hettinger zunutze macht. „Isometrisch“ bedeutet, daß bei den Übungen nur die Muskelspannung erhöht wird, sich dabei aber der Muskel nicht wie bei der eigentlichen Kontraktion verkürzt. Da die Dickenzunahme der Muskelfaser und damit die Kraft je Quadratzentimeter Muskelquerschnitt von der Spannung des Muskels abhängt, kann die Muskelkraft mit solchen Übungen viel stärker erhöht werden, als es durch bloßes Schwimmen auch mit höchster Intensität möglich ist.