Hat dieser nette junge Mann auch das nötige Format?“ so fragte dieser Tage die dänische Zeitung Politiken, und diese Frage haben sich die Dänen schon manchmal gestellt. Zu steil, zu mühelos schien die Karriere des Mannes, der mit 33 Jahren Minister wurde und jetzt, kurz vor seinem 48. Geburtstag, das höchste Regierungsamt in Kopenhagen übernahm: Jens Otto Krag, seit 1959 Außenminister, wurde nach dem Rücktritt des herzkranken Viggo Kampmann Ministerpräsident von Dänemark.

Auch das Amt des Staatsministers – so lautet der offizielle Titel des Ministerpräsidenten – ist Krag scheinbar ohne Anstrengung zugefallen. Um seine Nominierung gab es keinen Kampf, keine Intrigen. Weder in der eigenen Partei noch bei den Koalitionspartnern der Sozialdemokraten, den Radikalen, erhob sich Widerspruch; weit und breit trat kein ernsthafter Rivale auf den Plan.

Freilich ist Krag manchen alten Sozialdemokraten, besonders einigen Gewerkschaftlern, nicht so ganz geheuer. Wie sein Vorgänger Kampmann, der aus gutbürgerlichem Milieu stammte, ist auch er nicht in der Gewerkschaftsbewegung groß geworden. Vater Krag, Zigarrenhändler und überzeugter Liberaler, hatte den Vormarsch der Sozialdemokratie in Dänemark mißtrauisch beobachtet; er konnte es allerdings nicht verhindern, daß sich sein Sohn – der mit einem Darlehen von 500 Kronen sein Studium der Volkswirtschaft begann – sozialreformischen Ideen verschrieb.

Jene sozialen Utopien, die den jungen Studenten damals bewegten, sind indes im nüchternen Dänemark nie recht gediehen. Auch er ist schließlich den Weg der jüngeren Sozialistengeneration Skandinaviens gegangen – den Weg der vorsichtigen und bedächtigen Reformer, die zwischen limmelstürmenden Utopien und bequemem Pragmatismus einen mittleren Weg fanden, der – Jahre später – für viele Sozialisten auf dem Kontinent Vorbild wurde.

Jens Otto Krag, der früher einmal das wirtschaftliche Heil Dänemarks in der strikten Planwirtschaft sah, ist heute ein beredter Anwalt europäischer Marktpolitik geworden. Kein Wunder, daß die Gewerkschaftler ihm mit einiger Reserve begegnen. Er hat in seinen Ministerjahren eine angenehme Weitläufigkeit erworben, hat in zahllosen internationalen Verhandlungen, durch keine dogmatischen Fesseln beengt, in der Kunst des Möglichen brilliert und dann überdies eine der beliebtesten Schauspielerinnen des Landes geheiratet – all das scheint manchem altgedienten Veteranen fast ein wenig zu glatt und zu glänzend.

Aber es sind nicht nur derlei gefühlsmäßige Ressentiments, mit denen der neue Ministerpräsident zu kämpfen haben wird, ihn erwarten auch landfeste politische Probleme. Einen Vorgeschmack davon gaben schon die Verhandlungen zur Regierungsbildung. Krag gehört zum „rechten“, gemäßigten Flügel der Partei, und er versuchte gleich von Anfang an, die parteiinterne Opposition auf der Linken durch eine Beteiligung an der Regierungsverantwortung zu entschärfen. Er bot dem mächtigen Präsidenten des Metallarbeiterverbandes, Hans Rasmussen, einen Ministerposten an. Rasmussen aber winkte ab. Dieser wohl einflußreichste Vertreter der Parteiopposition steht Krags Bemühungen, Dänemark in die EWG hineinzuführen, kritisch gegenüber, und auch an der Lohn- und Preispolitik der Regierung hat er manches auszusetzen. So zog er es vor, dem Kabinett fernzubleiben und sein Pulver trocken zu halten.

Sorgen macht den Sozialdemokraten außerdem die gefährliche Konkurrenz der Sozialistischen Volkspartei unter Axel Larsen. Als Titoist aus der KP ausgestoßen, hat Larsen mit seiner neu gegründeten Partei bei den letzten Parlamentswahlen auf Anhieb elf Mandate erobert. Die Erfolge des Nationalkommunisten – er wohnt übrigens in derselben Mittelstandssiedlung wie Jens Otto Krag – haben die sozialdemokratische Parteiführung ziemlich nervös gemacht, und hier und da hört man die Warnung, so viel Angriffsfläche brauche die NATO- und EWG-Politik der Regierung der hemmungslosen Propaganda Larsen; denn doch nicht zu bieten.