Welche Lohnpolitik kann stabile Preise garantieren?

Von Karl O. Hondrich

Neuerdings ist in der „ZEIT“ von Professor Alfred. E. Ott eine These vertreten worden, die man längst in der Rumpelkammer der wissenschaftlichen Argumente wähnte: Produktivitätsorientierte Lohnpolitik, so heißt es, stelle sehr wohl eine brauchbare Faustregel für Lohnsteigerungen dar; würden nämlich nach dieser Regel die Lohnsätze in einer Volkswirtschaft genau im Maße der durchschnittlichen Produktivitätssteigerung erhöht, so bleibe zwar der Anteil der Löhne am Volkseinkommen unverändert, anderseits könne aber auch mit einer Konstanz des gesamtwirtschaftlichen Preisdurchschnitts gerechnet werden. Diese These ist nicht in Bausch und Bogen falsch; aber sie ist wahr nur unter bestimmten Bedingungen.

Produktivität und gerechter Lohn

Erst einmal sind in der Formel „Die Löhne sollen im Rahmen der durchschnittlichen Produktivitätssteigerung in der gesamten Volkswirtschaft erhöht werden, dann bleibt das Preisniveau stabil“ zwei Probleme verquickt, die nichts miteinander zu tun haben. Das erste ist das Gerechtigkeitsproblem, das sich in die Frage fassen läßt: Wie hoch soll der Anteil der Arbeitnehmer am Sozialprodukt sein? Die Antwort der Formel lautet: So hoch wie bisher.

Wir würden den Verfechtern dieser Formel allerdings unrecht tun, wollten wir ihnen unterstellen, sie begrüßten damit allesamt die bestehende Verteilung als gerecht.

Vielmehr betrachten die meisten unter ihnen den gegebenen Zustand der Einkommensverteilung als das kleinere Übel, verglichen mit der Inflationstendenz, die sie mit einer Umverteilung durch „überhöhte“ Löhne gekoppelt sehen.