München

Die offizielle Bayerische Staatszeitung, ein Blatt, das Lob und Tadel nach Gesichtspunkten verteilt, die Außenstehenden häufig unbegreiflich sind, aber stets mit der jeweiligen Ansicht des Münchner Kabinetts harmonieren, knöpfte sich am vergangenen Freitag Bertrand Russell vor und entschied: der Nobelpreisträger habe sich „selbst entwertet“. Warum? Ganz einfach: „Es bedarf keines übermäßig geschulten Verstandes, nur einiger Erfahrung, um einzusehen, daß die Russellsche Philosophie, setzte man sie in die Tat um, der Anarchie, ja, dem Mord und dem Totschlag Tür und Tor öffnet.“

Endlich also ist Russell entlarvt. Wer allerdings den Aufsatz bis zu Ende liest, vermißt darin, selbst wenn ihm „kein übermäßig geschulter Verstand“ eignet, die Quellen, aus denen die „Staatszeitung“ schöpfte, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Nicht eines der Russellschen Werke wird zitiert, nicht eine seiner zahlreichen Botschaften angeführt, nicht einer seiner Aufrufe herangezogen. Die „Russellsche Philosophie“ erhellte sich der „Bayerischen Staatszeitung“ vielmehr aus einem Brief, den der Nobelpreisträger an einen, im Zusammenhang mit den Schwabinger Krawallen Angeklagten geschrieben hatte und aus dem das Regierungsorgan folgenden Satz herausriß: „Bitte, fügen Sie meinen Namen zu all denjenigen, die schon gegen das brutale Benehmen der Polizei in München protestiert haben“

„Anarchistenbotschaft eines Lords“ betitelte die „Staatszeitung“ frohgemut ihren Aufsatz, um fortzufahren: „Den Eingeweihten freilich vermag das Verhalten des britischen Philosophie-Lords nicht zu verwundern.“ Und damit nur ja keine Mißverständnisse aufkommen könnten, nannte das Blatt jene Leute, denen Russells Sympathie gilt, konsequent „Schwabinger Radaubrüder“.

Fatalerweise stand just an dem gleichen Tag, als die „Staatszeitung“ ihre Ansicht über Bertrand Russell in Druck gehen ließ, einer jener „Radaubrüder“ vor Gericht: Karl Kristan, 20 Jahre alt, Maschinenbauer, seit dem 25. Juni in Untersuchungshaft, damals arretiert wegen Aufruhrs und Landfriedensbruchs. Festgenommen hatte ihn ein Polizeihauptwachtmeister, Rüdiger Artmann, weil Kristan „die Menge aufzuwiegeln versucht“ hätte.

Schon diese Festnahme war unter interessanten Umständen erfolgt: Kristan wurde in ein Polizeiauto gesteckt und mit einem Zettel auf dem lediglich Name und Dienstgrad Armapns standen, ins Präsidium abtransportiert. Die Verhafteten selber zu identifizieren, hatten die Polizisten zunächst nicht für erforderlich gehalten.

Während der neuneinhalb Wochen, die Kristan anschließend in Untersuchungshaft verbringen durfte, wurde er nicht ein einziges Mal mit Artmann konfrontiert. Zwei Drittel dieser Zeitspanne waren vergangen, als die Zeugenaussagen bereits eindeutig ergaben, daß von Aufruhr und Landfriedensbruch keine Rede sein konnte. Es blieb der Verdacht des „Auflaufs“ (§ 116 StGB: „Wird eine auf öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen versammelte Menschenmenge von dem zuständigen Beamten oder Befehlshaber der bewaffneten Macht aufgefordert, sich zu entfernen, so wird jeder der Versammelten, welcher nach der dritten Aufforderung sich nicht entfernt, wegen Auflaufs mit Gefängnis bis zu drei Monaten oder mit Geldstrafe bestraft.“)