Von Jürgen Habermas

Die FAZ brachte am 1. September eine dpa-Meldung mit folgendem Wortlaut:

"Von den 32 amerikanischen Infanteristen, die sich seit Dienstag abend durch die nordwürttembergischen Wälder schlugen, um die härteste Prüfung der amerikanischen Armee zu bestehen, sind zwölf am Donnerstagvormittag zur festgesetzten Zeit am Ziel in der Nähe von Heilbronn eingetroffen. Sie haben sich damit für die höchste Auszeichnung der Armee in Friedenszeiten, den Expert Infantry Badge, qualifiziert. Sechs der ‚Iron Mikes‘ wurden von den Verfolgern gefangengenommen und in einem Lager bei Heilbronn nach Methoden gefoltert, mit denen die Amerikaner im Koreakrieg Bekanntschaft gemacht hatten."

Diesen ersten Hinweis auf angewandte Foltern habe ich zunächst überlesen, denn durch die Überschrift "Zwölf kamen durch" wird die Aufmerksamkeit des arglosen Lesers auf eine Erfolgsmeldung, eine Art Sportnachricht gelenkt. Weiter heißt es in der Meldung dann:

"Die Gefangenen wurden in Ketten gelegt und an die Wand gehängt, ausgepeitscht und in enge Schränke gesperrt, wo sie mit elektrischem Strom ,behandelt‘ wurden. Sie mußten von Pfeffersuppe und Salzwasser leben. Fünf der Gefangenen blieben trotz dieser Foltern hart. Der sechste verriet den Namen seiner Einheit und wurde daraufhin disqualifiziert."

Im Rahmen einer offiziellen Übung amerikanischer Einheiten, an der auch Bundeswehr teilnahm, sind also sechs Mann nach vorgeschriebenen Methoden gefoltert worden. Einer hat während der Tortur "versagt" und ist daraufhin "disqualifiziert" worden – was mag das wohl heißen? Die Übung sollte offensichtlich eine Ernstsituation des Guerillakrieges nachahmen. Zu den simulierten Umständen, unter denen amerikanische Truppen etwa in Korea, französische in Algerien kämpfen mußten, gehört auch die effektive Drohung der Folter: von den Gefangenen wurden auf diese Weise Geständnisse erpreßt.

Militärischer Laie in jedem Betracht, weiß ich nicht, ob jener Vorgang zum regulären Ausbildungsprogramm sogenannter Elitetruppen gehört, oder ob er als Auslesemethode nur dazu dient, die Kontingente bestimmter Einheiten aufzufüllen. Ich weiß nicht, ob solche Verfahren auch bei Streitkräften anderer Nationen praktiziert werden und seit wann sie in der amerikanischen Armee üblich sind. Gewiß haben sie in der Verteidigungskonzeption der Kennedy-Regierung ihren "Stellenwert". Denn die zur Zeit anerkannte Spielart einer Strategie der abgestuften Abschreckung sieht vor, daß man einem Angreifer "auf gleicher Stufe" entgegentritt; man will sich nicht bei geringeren Anlässen auf die unglaubhafte Drohung mit dem atomaren Gegenschlag verlassen müssen.