Im Mittelpunkt der Hauptversammlung der Bayerischen Motoren Werke AG, München, stand die Diskussion um die Stellung der Quandt-Gruppe in der Gesellschaft und der Rücktritt Prof. Wagners vom Aufsichtsratsvorsitz. Wagner hatte wenige Tage vor der HV seine Amtsniederlegung mit „unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten über die Rechte des Großaktionärs und über die Zuständigkeit von Aufsichtsrat und Vorstand“ begründet. Die beiden Großaktionäre der Gesellschaft, Dr. H. Quandt, Frankfurt, und Dr. J. Koerfer, Bern, hatten den Essener Wirtschaftsprüfer Dr. Hermann Karoli (heute unter anderem im Aufsichtsrat der Kasseler Henschel-Werke AG) als neues Mitglied für den AR vorgeschlagen. In der HV wurde der Vorschlag gebilligt und in der anschließenden AR-Sitzung wählte man Karoli zum AR-Vorsitzenden.

Der stellvertretende AR-Vorsitzende Rechtsanwalt Wilcke stellte in einer vom Vorstand und AR einstimmig gebilligten Erklärung fest, Wagners Begründung sei eine „einseitig formale Betrachtungsweise“. Wagner lasse unberücksichtigt, daß der sachliche Gedankenaustausch mit der Quandt-Gruppe notwendig und förderlich gewesen sei und die aus diesen Besprechungen entstandene Hilfestellung der Quandt-Gruppe „von vitaler Bedeutung für den Fortbestand des Unternehmens war“. Mit Wissen und Billigung des nicht anwesenden Prof. Wagner bezeichnete Dr. Küster, der nominell 1000 DM Aktien vertrat, die Darstellung der BMW-Verwaltung zum Rücktritt Wagners als nicht zutreffend. Der Großaktionär habe nicht „gern seinen Rat gewährt“, sondern Weisungen erteilt, und zwar in Vorstandssitzungen, „die wie die eines arrivierten Konzerns wirkten“. Wagner habe diese Entwicklung nicht mitmachen, sondern allen Aktionären gerecht werden wollen. Den Vorgänger Wagneis, Dr. J. Semler, habe man in ähnlicher Weise überspielt und seinen Rücktritt mit dem Abschluß der Sanierung bemäntelt. Küster warf die Frage auf, ob der Großaktionär bei BMW bereits seine Macht antrete.

AR-Mitglied Dr. Mathern, der seinerzeit (noch als Aktionärsvertreter) maßgeblich zum Scheitern des Daimler-Benz-Sanierungsvorschlages beigetrigen hatte, unterstrich die Verwaltungserklärung, wonach u. a. die Kapitalerhöhung 1960 nur mit Hilfe der Quandt-Gruppe möglich gewesen sei, wie auch die Konsortialkredite nur durch die vorherige Gewährung eines langfristigen 10-Mill-DM-Kredites des Großaktionärs hätten beschaft werden können. Durch das Eingreifen des Großaktionärs hätten die Interessen der Kleinaktionäre nicht besser gewahrt werden können. Mathem warnte davor, im gegenwärtigen Aufbaustadium BMWs persönliche Differenzen zu dramatisieren. Weiter teilte er mit, daß die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG die seinerzeit vereinbarten Bedingungen für eine Fusion der BMW Triebwerkbau GmbH mit der MAN Turbomotoren GmbH jetzt für gegeben betrachte. Die derzeitigen Verhandlungen mit MAN zielen auf die Erlangung eines weiteren Beteiligungsprozentes hin (zur Zeit je 50 % bei BMW und MAN). Wie Vorstandsmitglied E. Kämpfer mitteilte, dürfte der Umsatz der BMW Triebwerkbau in diesem Jahr 100 (45) Mill. DM weit überschreiten,

Dr. Küpper, Frankfurt, der nom. 15 Mill. DM der Quandt-Gruppe vertrat – der weitere Großaktionär Koerfer vertrat nom. 4,2 Mill. DM Aktien –, sagte, daß ohne den Großaktionär Quandt BMW heute wohl gar nicht mehr existieren würde. Zudem würden sich kreditgebende Banken noch ganz anders informieren lassen als Großaktionäre. Bedenken eines Aktionärs, der Gefahren einer Umwandlung der BMW in eine GmbH aufzeigte, zerstreute AR-Vorsitzender Wilcke, zumal man schließlich dazu eine 75prozentige Mehrheit brauche.

Nach vierstündiger Debatte wurde schließlich die Verwaltung entlastet und der Abschluß 1961 gebilligt. Bezüglich einer eventuellen Sonderprüfung, die er in der Diskussion angeregt hatte, fand Dr. Küster bei der Versammlung keine Resonanz.

In einer Prognose bezifferte Vorstandsvorsitzender Dr. Sonne den voraussichtlichen Umsatz 1963 auf 400 Mill. DM, während er 1962 gegenüber dem Vorjahr um etwa 10 % steigen dürfte. Dividendenerwartungen für 1963 seien „etwas verfrüht“. Die Fertigung des Kleinwagens – der Mittelwagen ist in diesen Tagen angelaufen – wurde inzwischen auf 230 Stück täglich gesteigert. Im Frühjahr rechnet man mit 350 Klein-, Mittel- und Großwagen täglich. t. r.