Ein immer dichterer Strom von sowjetischen Investitionsgütern, Lebensmitteln, Waffen und Beratern ergießt sich seit Juli nach Kuba. Offenbar hat sich Chruschtschow entschlossen, dem angeschlagenen Regime Fidel Castros kräftig unter die Arme zu greifen und dem kommunistischen „Schaufenster für Lateinamerika“ so neue Anziehungskraft zu verleihen. Zwar hat er es abgelehnt, Kuba in den Warschauer Pakt aufzunehmen, worum ihn Castros Bruder Raoul bei seiner jüngsten Moskauer Visite gebeten haben soll, doch versprach er den Kubanern am Wochenende noch mehr Waffen, noch mehr Wirtschaftshilfe und noch mehr Berater.

In den Vereinigten Staaten wächst die Unruhe angesichts dieser Entwicklung. Die Amerikaner verzeichnen einigermaßen verblüfft die Tatsache, daß es mit Castros Regime wirtschaftlich immer weiter bergab geht, daß sich dies Regime aber dennoch immer fester in den Sattel setzt, daß sich der bärtige Revolutionär stets weniger auf die Ökonomie seines Landes versteht, aber stets besser auf die Methode, es mit seinem Herrschaftsapparat unter der Knute zu halten. So verflüchtigt sich in Washington die Hoffnung, daß Regime werde eines baldigen Tages an seiner eigenen Mißwirtschaft zugrundegehen. Die Amerikaner sind um eine Erfahrung reicher, welche die Europäer schon früher gemacht haben: An wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist noch kein kommunistischer Polizeistaat zerbrochen.

Es ist nicht verwunderlich, daß sich nun die Stimmen mehren, die dafür plädieren, dem Castro-Regime durch eine amerikanische Invasion ein Ende zu setzen. Präsident Kennedy freilich mahnt zur Mäßigung: „Solch eine Aktion kann man leichthin vorschlagen, aber sie würde für viele Menschen schwerwiegende Folgen haben... Ich halte es für einen Fehler, Kuba anzugreifen Der Präsident bleibt bei seiner bisherigen Politik. Ihr Ziel ist es, die kommunistische Bastion 150 Kilometer von Floridas Küste zu isolieren und wirtschaftlich zu boykottieren.

Die Aussichten dieser Politik sind höchst ungewiß; am Ende mag sogar jeder amerikanische Erfolg nur dazu führen, daß der Kreml seinen Einsatz in Kuba weiter erhöht. Dennoch hat Washington einen Anspruch auf Unterstützung durch seine Verbündeten – vor allem durch die Bundesrepublik. Wir sollten die letzten sein, die den Sowjets helfen, das US-Embargo gegen Kuba zu durchbrechen. Wenn es eine Handhabe gibt, das zu verhindern, darf die Bundesregierung keinen Augenblick lang zögern. Gegenüber der Schutzmacht Berlins sollten wir auch nicht auf die kleinste Geste guten Willens verzichten, wenn sich zu solcher Geste Gelegenheit bietet. Hier wäre eine Gelegenheit. Th. S.