Von Thomas Ross

Jugoslawien ist heute wohl das wichtigste Experimentierfeld des europäischen Kommunismus. Die beträchtlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen es jetzt zur Schadenfreude der „andern“ zu kämpfen hat, bedeuten jedoch keineswegs ein Scheitern des Titoismus. Erst auf lange Sicht wird sich erweisen, welche Anziehungskraft dieses System auf den Ostblock, auf Länder nämlich mit ähnlicher Struktur und auf die unterentwickelten Staaten auszuüben vermag. Gerade bei einer allmählichen Lockerung in Osteuropa, bei einer wachsenden Eigenständigkeit in gewissen Lösungsversuchen – zum Beispiel dem ungarischen Lohnsystem – könnte der Einfluß Jugoslawiens erheblich zunehmen.

Tito hat sich allmählich und graduell von der zentralen Verwaltungswirtschaft sowjetischen Musters gelöst. Viele Züge und Rudimente davon gibt es noch in Jugoslawien und sie dürften einen gewichtigen Anteil an der heutigen Krise haben.

Jahrelang fuhr Jugslawien mit seinem System besser als die anderen kommunistischen Länder. Sein Wachstum wurde nur noch von Japan übertroffen. Seit 1953 hat sich das Nationaleinkommen fast verdoppelt, die landwirtschaftliche Produktion um 47 % erhöht, die Exporte verdreifacht. Dieser von der Dezentralisierung ausgelöste Aufschwung begann nach 1958 merklich zu verebben und seit Beginn 1961 in eine Krise umzuschlagen.

Die Wachstumsrate der Industrie ist von 12 % auf 5 % abgesackt, die Löhne und Preise sind der Produktivität davongeeilt. Von März 1960 bis heute sind die Lebenshaltungskosten um rund die Hälfte gestiegen. Die Landwirtschaft stagniert. Das Loch im Außenhandel klafft ständig weiter auf (1961: Export 569 Mill. Dollar, Import: 910 Mill. Dollar), die Schulden sind auf über 800 Mill. Dollar angewachsen.

Das vorläufige Ziel des Titoismus ist eine Marktwirtschaft ohne Privateigentum, mit offenem Wettbewerb und freier Preisbildung. Die Arbeiter sollen selber ihre Fabriken verwalten und den eigenen Lohn bestimmen. Der Staat und die Gemeinden koordinieren lediglich und sorgen dafür, daß die Wirtschaft gleichmäßig wächst. Die Pläne auf Bundes- ebenso wie auf regionaler Ebene dienen nur als Rahmen und als volkswirtschaftliche Wunschliste ohne bindenden Zwang für die Unternehmen.

In der Wirklichkeit steht allerdings die ’Arbeiterselbstverwaltung, das Lieblingskind des Titoismus, noch weitgehend auf dem Papier. Tito rügte jüngst, daß die Arbeiterräte ihre Rechte nicht ausnützten. Viele Fabrikdirektoren schalten und walten recht diktatorisch. Freilich verlangt die Selbstverwaltung von den Arbeitern ein erhebliches wirtschaftliches Interesse, das über den eigenen Bauch hinausgeht, und einen Grad der Ausbildung, den die überwiegende Mehrzahl noch nicht besitzt.