Es vergeht kaum eine Woche, während der Telstar nicht von sich reden macht. Einmal überträgt der Nachrichtensatellit transatlantische Telephongespräche, ein andermal übermittelt er Korrespondentenberichte, Bilder und Zeitungsartikel im Faksimile, Fernschreiber- und Daten-Impulse von elektronischen Rechenmaschinen und nicht zuletzt Femsehdirektsendungen von Kontinent zu Kontinent. Wenn auch manche dieser Telstardemonstrationen mehr oder weniger technische Gags sein mögen, so sind sich doch alle maßgeblichen Nachrichtentechniker darin einig, daß die dabei erzielte Übergangsqualität unerwartet gut ist und selbst optimistische Hoffnungen übertreffen hat. Es kann darum heute kaum noch Zweifel daran geben, daß Nachrichtensatelliten in absehbarer Zeit eine wichtige und bald unentbehrliche Rolle in interkontinentalen Fernsprech-, Fermschreib- und Fernsehbetrieb spielen werden. Was geschieht nun in Deutschland, im mit dieser Entwicklung Schritt zu halten?

Die Amerikaner erkannten bald, daß ihre schönsten Fernmeldesatelliten wertlos sind, wenn sie nicht in anderen Kontinenten Gesprächspartner finden. Ein Nachrichtensatellit stellt ja lediglich eine Relaisstation dar, in der die Funksignale aufgefangen, verstärkt und wieder abgestrahlt werden. Zu diesen Tätigkeiten steht dem Satelliten jedoch nur die relativ geringe elektrische Energie zur Verfügung; die er aus seinen Sonnenbatterien bezieht. Folglich muß man ihn gezielt anstrahlen und seine schvachen Signale mit großen Parabolantennen einfangen, die seine Bahn verfolgen. Zu einem Nachrichtensatelliten gehören also besondere Sende- und Empfangsanlagen auf jeder Seite. Die amerikanische Weltraumbehörde (NASA) lud darum verschiedene Postverwaltungen in Europa und in Südostasien zur Errichtung solcher Bodenstationen ein. Bei der deutschen Bundespost war man weitsichtig genug, diese Chance zu ergreifen, und am 12. Juni 1961 kam es zum Abschluß eines entsprechenden Abkommens. Die Bundespost wurde, vertreten durch Dipl.-Ing. Ernst Dietrich, Mitglied im Internationale! NASA-Ausschuß für den Nachrichtensatelliten-Verkehr, und das Fernmeldetechnische Zentralamt der Bundespost in Darmstadt erhielt alle technischen Unterlagen zur Errichtung einer Antennenanlage.

Bei der Auswahl eines geeigneten Standortes für die Bodenstation standen Oberpostrat Dietrich und seine Mitarbeiter vor einem schwierigen Problem. Es mußte ein Platz gefunden werden, bei dem die hochempfindlichen Empfangseinrichtungen nicht durch benachbarte Sender gestört werden, denn den Fernmeldesatelliten-Verbindungen kann man, wegen der von ihnen benötigtem breiten Frequenzbänder, keine besonderen Wellenbereiche reservieren. Man muß sie zwischen 1000 und 10 000 Megahertz unterbringen, wo schon die Richtfunkverbindungen der Post und die Radaranlagen der zivilen und militärischen Luftfahrtbehörden betrieben werden. Als Standort für die deutsche Nachrichtensatellitenstation kam also nur eine Bodenmulde in Frage, die weit genug von den 207 Richtfunkstellen der Bundespost entfern: liegt und die gegenüber den störender. Radar-Impulsen durch die umliegenden Gebirgszüge abgeschirmt ist, ohne daß allerdings diese Gebirgszüge das Gesichtsfeld der Antennen wesentlich einenger.

Nach langem Suchen und Messen im Gelände fand man einen solchen Platz bei Raisting am Ammersee. Als Untergrund war hier zwar nicht der für so diffizile Anlagen wünschenswerte gewachsene Fels zu erwarten, sondern nur der in der oberbayerischen Voralpen-Landschaft übliche Schotter und Kies; doch die funktechnischen Bedingungen ließen keine andere Wahl.

So blieb der Bundespost keine Ausweichmöglichkeit, als die Naturschutzbehörden und die Grundstückseigentümer gegen die Pläne in der Raistinger Wanne Sturm liefen. Obgleich diese Landschaft kaum als besonders schutzbedürftig anzusehen ist und die Antennenanlagen weder Rauch erzeugen noch Lärm machen oder das Grundwasser verschmutzen, sahen die Naturschützer in den etwa 40 Meter hohen Kunststoffkuppeln, die die Antennenreflektoren überspannen, einen Schandfleck für die Landschaft. Die Grundstücksbesitzer vermuteten hinter der Bodenstation eine getarnte militärische Einrichtung. Erst unter dem Eindruck der Telstar-Fernsehübertragung im Juli dieses Jahres konnten diese Schwierigkeiten ausgeräumt und das Raumordnungsverfahren abgeschlossen werden.

Nicht ohne Bitterkeit verweist Dipl.-Ing. Dietrich auf die englische Bodenstation in Goonhilly, mit deren Planung nicht später begonnen wurde als in Deutschland, deren Bau und Einrichtung jedoch noch vor dem Telstar-Start abgeschlossen war. Auch diese Anlage mußte in einem Naturschutzgebiet errichtet werden, doch erkannten die britischen Behörden schnell, daß die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes in keinem Verhältnis zu der Bedeutung der Station für die Industrie des Landes steht. Die Franzosen haben ihre Bodenstation bei Pleumeur-Bodou in einem knappen Jahr fertiggestellt, und in Italien wird die „Telespazio“ noch in diesem Herbst ihre Nachrichtensatelliten-Empfangsanlage bei Fucino in Betrieb nehmen. In Indien wird gleichfalls noch in diesem Jahr eine Bodenstation fertig, und in Japan ist damit für das kommende Frühjahr zu rechnen.

Die Bundespost nennt heute als offiziellen Termin für die Inbetriebnahme ihrer Station den Spätherbst 1963. Doch im Gespräch mit den zuständigen Persönlichkeiten hat man den Eindruck, daß diese von ihrer Terminplanung selbst nicht so sehr überzeugt sind. Mit Sorge verweisen sie darauf, daß bei diesem Termin nur acht Wochen für die Montage der Antenne und der elektronischen Steuerungseinrichtung vorgesehen sind, was in Anbetracht der Neuartigkeit dieser Anlage recht knapp bemessen zu sein scheint.