Eine Freude, ein stolzes Vergnügen ist es für jeden Unternehmer, wenn er seinen staunenden Kunden mitteilen kann, daß er bald die Preise „seines“ Gutes senken kann – und will!

Mit tiefer Genugtuung wohl hat Bundespostminister Stücklen vor einigen Tagen bekanntgemacht: Wahrscheinlich schon ab Januar 1963 wird das Porto ins EWG-Ausland gesenkt (für Briefe zum Beispiel von 40 auf 20 Pf.), die Deutschen schreiben dann zum Inlandspreis nach Paris, Brüssel, Amsterdam, Rom, ja vielleicht auch nach Madrid, nach London ... Mache ihm das heute – im Zeitalter steigender Preise – einer nach! Auf 15 Millionen DM will er gar mit diesem Preisschnitt verzichten. Hohe Konsumentenpolitik – überzeugende Wirtschaftspolitik der Regierung? Wie traurig steht daneben die Deutsche Bundesbahn, die trotz vieler Rationalisierungsmaßnahmen und Einsparungen im Betrieb demnächst verschiedene ihrer Beförderungstarife hinaufsetzen muß. Wie unfähig müssen sich die Automobilproduzenten vorkommen, die trotz des größeren europäischen Marktes ihre Preise nicht halten können! Endlich hat ein Staatsbetrieb ein Beispiel gesetzt, das man zur Nachahmung empfehlen darf.

Trara! Trara! – Doch halt, dämpfet den Ruf des munteren Posthorns! Der gleiche Minister hatte nämlich schon vor einiger Zeit festgestellt, daß seine Post in vielen Sektoren nicht auf die Rechnung kommt; in den Betriebseinnahmen klafft eine unschöne Lücke von 100 oder mehr Millionen DM. Diesem Übelstand, so wissen wir schon lange, soll mit einer Gebührenreform (also Portoerhöhung) abgeholfen werden.

Ich verstehe das nicht. Ohne daß auf dem Gebiet der Postbeförderung ins Ausland nennenswerte Kostenersparnisse nachgewiesen werden können, will man ganz einfach den Portosatz um 50 % kupieren; einen Preis reduzieren, den bis heute sicher nur wenige als unbillig hoch angesehen haben – einen Preis überdies, an den man sich seit Jahren gewöhnt hat. Alle anderen vernünftig kalkulierenden Postverwaltungen Europas – so scheint es jedenfalls – können die Großzügigkeit des Herrn Stücklen nicht nachahmen. Auch wenn sie ebenso begeisterte Europäer sind wie er und auch „politisch“ eine kleine Anerkennung in der Öffentlichkeit brauchen könnten.

Aber eben – sie brauchen auch das Geld, um ihre Post-Betriebsabrechnungen im Gleichgewicht zu halten, und sie glauben nicht an einen ökonomischen Zaubertrick; mit der einen Hand 15 Millionen geben – mit der anderen sechs-, siebenmal mehr fordern... Und ich meine, sie tun gut daran, sich von dieser unmotivierten Spenderlaune des Bundespostministers nicht spontan anstecken zu lassen. Rle.