Von F. J. Weale

Wo immer in den Ländern mit gemäßigtem Klima eine Tasse Kaffee behaglich geschlürft wird, vergegenwärtigt man sich kaum, daß das Getränk – süß wie die Sünde, schwarz wie der Teufel und heiß wie die Hölle – von einem Rohstoff stammt, der in der Nachkriegszeit wirtschaftliches und politisches Dynamit in seinen Produktionsländern geworden ist. Anders als andere landwirtschaftliche Produkte hat Kaffee schon in Vorkriegszeiten an Überproduktion gelitten; in Brasilien wurden schon in den zwanziger Jahren unverkäufliche Überschüsse guter wie schlechter Qualität verbrannt oder in die See geschüttet. Zu Beginn 1962 brannte im Municip Colatina, dem größten Produktionszentrum der Welt, fast täglich ein Stoß von 4000 Sack (je 60 Kilo), bis ein Lager von 200 000 Sack in Flammen aufgegangen war. Das geschah planmäßig auf Weisung des brasilianischen Kaffee-Instituts, nachdem den Pflanzern des Staates vom Heiligen Geiste (Espiritu Santo) rund eine Million Dollar aus der bankrotten Staatskasse ausbezahlt worden waren.

Das war nicht alles. In ganz Brasilien wurden sieben Millionen Sack „cafe de expurgo“ (Abfallkaffee) verbrannt, wobei es zweifelhaft ist, ob es sich tatsächlich ausschließlich um unverbrauchbare Ware gehandelt hat. Um der Überproduktion „an der Wurzel“ beizukommen, müssen aber auch die Kaffeebäume entwurzelt werden. Zwei Millionen Bäume müssen geschlagen werden. Auf 400 000 Hektar sollen dann neue Bäume für Qualitätskaffee gepflanzt werden – trotz anhaltender „Kaffeeschwemme“. Der Kaffee ist ein Problem der Entwicklungspolitik. Die Brasilianer – Bewohner eines Entwicklungslandes – verlangen von den Verbrauchern in aller Welt, daß man ihnen den Kaffee abnimmt, für ihn „angemessene“ Preise zahlt und seiner Einfuhr keine Schwierigkeiten durch Zölle und Verbrauchssteuern in den Weg legt. Werden diese Forderungen nicht berücksichtigt, dann – heißt es – benachteiligen die „reichen“ Länder die „armen“; dann kommen sie ihrer moralischen Verpflichtung, den Entwicklungsländern zu Reichtum zu verhelfen, nicht hinreichend nach. Als Argument wird überdies der kalte Krieg in die Diskussion eingeschaltet: Der kommunistische Block würde vielleicht mehr Verständnis zeigen – vielleicht in größeren Kaffeebezügen, aber auch in anderen Dingen.

Dies muß man als Vorgeschichte zu den Verhandlungen wissen, die sich über Jahre hinweg – zuletzt in einer unter den Auspizien der Vereinten Nationen in New York abgehaltenen Konferenz – abgespielt haben. Hier sollten die Interessen von 36 Erzeugungs- und 22 Verbrauchsländern unter einen Hut gebracht werden. Probleme der Überproduktion, des Handels, der Ausfuhrquoten und der Preise sollten gelöst und außerdem auf die politische Situation Rücksicht genommen werden. Denn Kaffee färbt nicht nur braun oder rot auf die Beziehungen Mittel- und Südamerikas zu den Vereinigten Staaten ab, er beeinflußt auch die Politik in Afrika, wo sich die Produktion seit 1952 mehr als verdoppelt hat und weiter, ansteigend ist.

Noch bis 1954 hatte Großbritannien den (Kikuyu)-Afrikanern in Kenya den Kaffee-Anbau verboten – eine politische Maßnahme, die mit zu den Mau-Mau-Aufständen geführt hat. Die Entwicklung erzwang den Widerruf des Verbote; mit der Folge raschsteigender und trotz relativer Billigkeit der Ware nicht exportfähiger Produktion sowie mit Protesten eines anderen landwirtschaftlichen Zweiges – der Tee-Produzenten. Die ostafrikanischen Produzenten an den Hängen des Kilimandscharo-sowie in Uganda sind in verhältnismäßig günstigerer Lage als ihre amerikanischer Konkurrenten, weil sie bessere Handelsorganisationen haben. Marktbeobachter meinen auch, daß Europa in zunehmendem Maße ostafrikanischen. Kaffee den Vorzug vor südamerikanischen Qualitäten gibt. Er eignet sich offenbar besser zur Herstellung des für Hausfrauen und Junggesellen bequemen Pulverkaffees.

Die Wünsche der Afrikaner und Südamerikaner auf einen Nenner zu bringen, war daran nur bis zu einem gewissen Grade möglich, obwohl sie bereits vorher in einem losen internationalen Abkommen zusammengeschlossen waren. Bei den letzten New Yorker Verhandlungen kamen Zölle und Kaffeesteuern in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zur Sprache. Das Thema gewann an Schärfe durch die den der EWG bereits assoziierten Kaffeeproduzenten, die aus ehemaligen französischen und belgischen Kolonialgebieten in die Länder der Sechs exportieren und hierdurch gegenüber anderen Exportländern „Präferenzen“ genießen. Eine Zeitlang schien es als würde der jetzt angenommene Entwurf eines internationalen Abkommens an den EWG-Einfuhrtarifen und internen Verbrauchssteuern scheitern; Brasilien verließ die Konferenz für eine Weile und kündigte „diplomatische Schritte“ an. Mit vielen vagen Worten ohne Substanz wurde durch amerikanische Bemühungen und unverbindlichen Zusagen aus der EWG die Klippe umschifft. Sie war und ist nicht die einzige; aber man bekam einen Vorgeschmack dessen, was – in Zukunft bei ähnlichen, die Tarifpolitik der EWG betreffenden Verhandlungen füglich erwartet werden kann.

Die-Produzenten laufen gegen die Zölle und die Steuern in den Verbrauchsländern Sturm, weil sie in ihnen Haupthindernisse zu weiterer Verbrauchssteigerung sehen. Nach einer Statistik der FAO in Rom ist die Spanne zwischen Einfuhr- und Kleinhandelsverkauspreis tatsächlich in manchen Fällen überraschend hoch. Die nachfolgenden Beispiele gelten für 1958.