In dem neuen Roman von A. J. Cronin sind gewisse autobiographische Züge unverkennbar: David Moray studiert in Glasgow Medizin, geht als Arzt zur See (Cronin war im Ersten Weltkrieg Marinearzt), gibt seinen Beruf auf und hat sogar fast dieselbe Adresse wie Dr. Cronin (eine Villa an einem Schweizer See).

Natürlich ist das Buch

A. J. Cronin: „Der Judasbaum“, aus dem Englischen von Edmund Th. Kauer; Paul Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg; 429 S., 19,80 DM

keine Autobiographie. Zu dem Bild dieses unverbesserlichen Schwächlings, der so hoch hinaus will und so jämmerlich Schiffbruch leidet, hat bestimmt weder der Dichter noch sonst jemand Modell gesessen. Es ist kein realistisches Porträt. Wie manche Gestalten von Dickens oder Balzac ist Moray zur Personifizierung eines Lasters geworden. Trotz all seines oberflächlichen Charmes ist er der Inbegriff des moralischen Feiglings, der wider besseres Wissen seine Ideale verrät. Nicht umsonst beginnt und endet der Roman bei einem Judasbaum.

Cronin hat mit diesem Buch (in dem schon der Aufstand im Kongo vorkommt) jetzt wieder ein Werk geschaffen, das den Vergleich mit seinen besten Romanen aushält. Er hat es ja bekanntlich zwischendurch auch mit einem Reißer versucht, und von diesem Ausflug ins Unseriöse sind Spuren zurückgeblieben. „Der Judasbaum“ ist nicht aus einem Guß. Manche Stellen sind so echt und eindrucksvoll wie die Werke, die Cronin berühmt gemacht haben, „Die Zitadelle“ oder „Dr. Shannons Weg“. Um so mehr stört es, daß er in anderen Kapiteln mit grellen Farben und billigem Nervenkitzel arbeitet und für das tragische Ende einen weiblichen „deus ex machina“ braucht.

Ludwig Fürst