pf Berlin

Rund dreihundert staatseigene Geschäfte bemühen sich neuerdings mit Erfolg, den wohlhabenden Bürgern der Zone das Geldausgeben zu erleichtern. Die staatliche HO hat in allen größeren Städten der DDR sogenannte „Exquisit“-Läden eröffnet, in denen zu horrenden Preisen die Waren angeboten werden, die gutdotierte Untertanen des Ulbrichtstaates vor dem 13. August in Westberlin kaufen konnten.

Universitätsprofessoren beispielsweise oder hochdotierte Rundfunkkomentatoren, die ihre Monatsgehälter von 3000 und mehr Ostmark nur noch mühsam an den Mann bringen konnten, seitdem ihnen der Weg in die Wechselstuben Westberlins vermauert ist, können ihre Gatinnen oder Freundinnen und auch sich selber nach dem letzten Schrei westlicher Mode einkleiden, wenn sie sich zu „Madeleine“ oder „Elegant“ begeben. Während die normalen Konsum- und HO-Textilläden unter der Parole „Kleide dich neu!“ versuchen, den unmodern gewordenen Ramsch vom vergangenen Jahr an Mann und Frau zu bringen, führen die Geschäfte der „Exquisit“-Kette nur Erzeugnisse, wie man sie auf Hamburgs Jungfernstieg oder Düsseldorfs Königsallee kaufen kann.

Die Preise sind natürlich dementsprechend. Bügelfreie Hemden aus No-Iron-Popeline beispielsweise kosten, soweit es sich um DDR-Fabrikate handelt, 45 DM, und falls sie aus Wien importiert sind, 65 DM. Wollhemden aus Italien werden mit 87,50 DM angeboten, Pullover aus Shetlandwolle zwischen 90 und 150 DM. Reinseidene Krawatten aus Indien, „original indian handcraft“, kosten 30 DM pro Stück. Ein Luftkoffer aus Vollrindleder, der in der Bundesrepublik rund 130 DM kostet, kann Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße für genau 500 DM erworben werden.

Bei „Madeleine“, ebenfalls Unter den Linden gelegen, gibt es Strickjacken aus Belgien und aus Österreich für 160 DM. Strickkleider aus Tenisana, einem DDR-Produkt, das ansonsten restlos dem Export vorbehalten ist, kosten von 280 bis 450 DM. Der Pariser Modeschöpfer Jacques Heim, offenbar Großlieferant der Exquisitgeschäfte, bietet Kleider und Kostüme an, deren Preise zwischen 280 und 850 DM schwanken; die Preise für Mäntel sind ähnlich.

„Würden sie’s wenigstens so machen wie in der Tschechoslowakei“, sagte ein Mann, ärmlich, aber sauber gekleidet, der die Auslagen von „Madeleine“ betrachtete. „Dort verkaufen sie ihre Sachen gegen Valuta an Ausländer, das könnte man ja verstehen: Aber hier wirkt das ja wie eine glatte Provokation!“

Das „Presseamt beim Ministerpräsidenten der DDR“ hat indes kürzlich in seinen offiziellen „Presse-Informationen“ verlauten lassen, die Exquisit-Läden hätten die Aufgabe, der steigenden Nachfrage der Bevölkerung nach modisch aktuellen Erzeugnissen entgegenzukommen, und das berechtigte auch dazu, höhere Preise zu fordern. Dem Vorschlag aus Kreisen der Bevölkerung, in Exquisit-Läden auch Waschmaschinen, Fernseher und Automobile zu höheren Preisen, dafür jedoch mit kurzen Lieferfristen zu führen, könne allerdings nicht entsprochen werden, denn das habe nichts mit modischer Aktualität zu tun.

Entgegen dieser Verlautbarung soll jedoch in nächster Zeit in Leipzig ein Exquisit-Automobilgeschäft eröffnet werden. Verkaufsschlager: Volkswagenmodell 1962 zum Preis von 19 500 DM, sofort lieferbar.