Von David Drew

In Edinburg zur Festspielzeit flüstern’s die Narren den Zweiflern zu: „Eßt, trinkt und seid fröhlich, denn morgen gibt’s wieder Kammermusik.“ Die Ironie paßt so recht nach Edinburg, eine Stadt, wo auf fröhliche Sonnabendabende nach Art von Robert Burns unerbittlich strenge Sonntagmorgende nach Art von John Knox folgen. So stolz die Stadtväter auch auf ihre Festspiele sein mögen – und sie haben heute allen Grund, stolz zu sein – so haben sie es doch gelernt, Begeisterung mit Nüchternheit zu verbinden. „Dies ist eine Stadt und kein Jahrmarkt“, erklärt der Bürgermeister. „Hier leben eine halbe Million Menschen, und sie leben von Industrie und Handel. Wir müssen uns unseren Lebensunterhalt verdienen, und das geht nicht, indem wir einfach Edinburg an die Touristen verkaufen.“ Aber die Touristen kommen, wie der Bürgermeister recht gut weiß, auch weiterhin, weil Edinburg trotz seinem Industrieruß eine schöne Stadt ist und weil die Festspiele ihnen etwas zu bieten haben.

Aber was? Wie so viele schönen Dinge entstanden die Edinburger Festspiele aus einem Gefühl freudiger Erleichterung nach dem Krieg. Damals erschien als reizvolle Eigenwilligkeit, ein „Festival für Musik und Drama“ zu begründen in einem Land, wo es Musik oder Drama eigener Herkunft kaum gab; und gerade die Unwahrscheinlichkeit des ganzen Unternehmens wirkte als Ansporn.

Aber der Gedanke war kühner als seine Durchführung, und im Laufe der Jahre waren mehr Vorsichtsschilder zu sehen als Begrüßungsflaggen, und die ganze festliche Beflaggung sah immer so aus, als wollte man dahinter die Löcher im Dach der schottischen Kultur verstecken. Auf die ihnen eigene gemütliche und unauffällige Art hatten die Festspiele eine Krise erreicht.

Daß diese Krise jetzt behoben ist, verdankt Edinburg den Einfällen und der Energie eines einzigen Mannes: des Earl of Harewood. Seitdem er 1960 zum künstlerischen Leiter bestellt wurde, haben,sich die Festspiele von Grund auf geändert. Falls irgend jemand angenommen hatte, die Wahl eines Mitglieds der königlichen Familie sei nichts als Snobismus gewesen, haben ihn die Ereignisse eines besseren belehrt, wie es übrigens jeder vorausgesehen hatte, der Lord Harewood kannte. Alles, was sich Positives über die Festspiele von 1962 sagen läßt, die mit der letzten Woche zu Ende gingen, ist zu einem gewissen Grad das Verdienst dieses Mannes.

Die Festspiele von 1961 waren die ersten, für die Lord Harewood verantwortlich war. Bezeichnend für ihn, wie er gleich eine radikale Lösung des Hauptproblems suchte: daß nämlich in Edinburg das „Thema“ für Festspiele nicht in gleicher Weise „gegeben“ ist wie etwa in Bayreuth.

Er entschloß sich darum, den Edinburger Festspielen jedes Jahr ein anderes Hauptthema zu geben, das Beziehungen haben sollte zu irgendeinem „unterentwickelten Gebiet“ des Musiklebens. In diesem Sinne wurden die Festspiele von 1961 um Schönberg herum komponiert und um den „unbekannten“ Liszt.