G. Z., Frankfurt

Der Fernsprechanschluß 5037 in Gießen melcet sich nicht mehr. Im Telefonverzeichnis ist unter dieser Nummer der „Verein Deutsche Familien-Ferienerholung e. V.“ eingetragen. Über diesen Verein heißt es auf der Seite 25 des Berichts einer Sonderkommission des Bundesfamilienmiiisteriums: „Der Verein kann also nicht saniert werden.“ Zu dieser Einsicht war man allerdings erst recht spät gekommen, denn das Haus Wuermeling hatte im Laufe der Jahre diesem Familienerholungs-Institut bereits mit einigen hunderttausend Mark unter die Arme gegriffen.

Die Idee des Pfarrers im Ruhestand und aktiven CDU-Mitglieds Wilhelm Gontrum aus Watzenborn-Steinberg, kinderreichen Familien in hübschen Ferien-Bungalows zu einem preisgünstigen Urlaub zu verhelfen, war gar nicht so schient gewesen. „Abgeordnete sollen nicht nur schwätzen, sie sollen auch etwas tun“, hatte der Bundestagsabgeordnete der CDU Gontrum erklärt und 1956 in Bad Salzhausen den „Verein Deutsche Familien-Ferienerholung“ gegründet. Fünf Jahre später stellten die Prüfer aus dem Familienministerium fest, daß sich die sieben Mitglieder des Vereins in der Mehrzahl aus der Gontrum-Familie rekrutierten. Der Vereinsgründer selber hatte die Präsidentschaft übernommen, seine Frau die Abteilungen Werbung und Innenarchitektur, wäirend sich Tochter Gisela und Schwiegersohn Karl Sommer mit einfacher Mitgliedschaft im „Burd der Sieben“ begnügten.

Die notwendigen Gelder flüssig zu machen, wir für den Bundestagsabgeordneten Gontrum nicht sehr schwierig, schließlich waren sie ja für eine gute Sache. Zur Finanzierung von fünfzig „Ferienidyllen“ am Vogelsberg, im Odenwald, in der Rhön, im Schwarzwald und im Harz steuere der Bund rund eine dreiviertel Million bei, etwa eine halbe Million waren ERP-Darlehen, das Lard Hessen beteiligte sich mit 45 000 Mark; dazu kamen Gelder von Bausparkassen und Banken.

Bald zogen in Gontrums Bungalows kinderreiche Familien ein. Indes kamen zum Vizepräsidenten des gemeinnützigen Unternehmens, dem Unionsfreund und Rechtsanwalt Clemens Budde, die Handwerker und präsentierten unbeglichene Rechnungen. Der korrekte Jurist verlangte von seinem Präsidenten Einsicht in die Finanzgebarung des Familienvereins – ohne Erfolg. Daraufhin unterrichtete Budde das Familienministerium.

Es dauerte dann allerdings noch einige Monate, ehe sich Wuermelings Finanzexperten auf den Weg machten, um in Gießen, wo sich der Familienerholungs-Verein in einem Neubau für 10 000 D-Mark unverzinsliches Darlehen in der Mühlstraße 33 etabliert hatte, die Bücher zu prüfen. Dabei stießen sie freilich auf ungeahnte Schwierigkeiten, denn für die ersten Jahre seit der Gründung des Vereins gab es überhaupt keine Hauptbücher. So konstatierten die Prüfer schließlich in ihrem Bericht: „Zusammenfassend ist festzustellen, daß sich aus der Buchführung und den Akten kein ausreichender Überblick über das finanzielle Gebaren, die Wirtschaftlichkeit und den finanziellen Status des Vereins gewinnen läßt.“

Trotz der „unbürokratischen“ Geschäftsführung blieb der Kommission nicht verborgen, daß man in Gießen die staatlichen Geldgeber über die wahre Situation hinters Licht geführt hatte. „Das von dem Verein in seinen Anträgen auf Gewährung öffentlicher Zuschüsse und Darlehen angegebene Eigenkapital ist nicht vorhanden gewesen“, heißt es dazu im Prüfungsbericht. Und es war darin auch von „fingierten Belegen“ die Rede, die ausgestellt wurden, um Bundeszuschüsse zu erhalten. Allerdings – und darüber schwieg der Bericht – hatte sich auch von den Geldgebern niemand die Mühe gemacht, die von Gontrum angebotenen Unterlagen zu prüfen. Der Bund wie auch die Banken hatten Gontrum vertrauensselig Kredite bewilligt. Die Prüfer kamen in ihrem Bericht zu folgender Bilanz: „Gesamtbetrag der Schulden am Prüfungsstichtag 1303 973, 51 DM“ und dazu in Klammern: „Die Vollständigkeit und Richtigkeit dieser Summe ist fraglich.“