Von josef Müller-Marein

Als blickte er in eine Pappschachtel, in der vier Insekten krabbeln, so schaut der Leser in eine Zuchthauszelle und beguckt die vier „Lebenslänglichen“: einen Arzt, einen Boxer, einen Rundfunk-Journalisten und einen Kranführer. Des Lesers Herz bleibt kühl. Denn der Abstand zwischen den Menschen und diesen „Insekten“ ist so groß wie der zwischen Gott und den Menschen. Aber der Autor läßt uns das Ohr an die Schachtel legen.

Da hören wir denn die Insekten sprechen. Der Abstand verringert sich mehr und mehr. Aber wer spricht? Stets derselbe Zuchthäusler oder jeweils ein anderer von den vieren? Und warum wurden sie verurteilt? Schuldig sind sie ohne Zweifel alle. Aber jeder Schuld ist Unschuld beigemischt. Und wieviel Morde kommen eigentlich auf das Konto dieser Leute, die da miteinander träumen, einander belügen, Bekenntnisse ablegen, die sie bald auch wieder zurücknehmen? Ach, wie sie. schwätzen, Intimes ausbreiten, sich verstellen! Vier Morde oder sechs? Der Kranführer beispielsweise hat seinen Nebenbuhler, mit dem stählernen-Greifer erledigt. Oder war es ein Unfall? Ein Versehen? Mehr Wunsch als Tat? Und da War es passiert.

Einmal wird ein fünftes Insekt in die Schachtel gesteckt. Es hat nicht denselben Nestgeruch. Diese haben ihre eigenen Daseins- und Umgangsregeln entwickelt. Sie beten schließlich den Arzt – der übrigens Epileptiker ist – als Gott an. Der Neue, der fünfte stört, Er wird „erledigt“. Das heißt: er erledigt sich selber, indem er sich die Pulsadern am Handgelenk durchbeißt. Seine Anwesenheit war nur eine Episode. In der Zukunft aber geht der Traum, das Spiel, das Geplauder, das Hin und Her von Reue und Hysterie – alles geht weiter.

Das Buch von

ist gekennzeichnet durch die geradezu geniale Kunst, die einfach und drastisch formulierten Gespräche durch allerlei Schattierungen der Berufsjargons, der Gesellschafts- und Gegenwartsidiome anzureichern. (Die deutsche Übersetzung ist hervorragend in ihrem Gefühl für sprachliche Feinheiten.) Doch hinter dem Einfachen bleibt die Vielschichtigkeit deutlich, Kerkermauern umschließen vierfach geführtes Leben. Aber welches Leben ist nicht von Kerkermauern umgeben?

Daß Jean Cau – ein junger Mann aus Südfrankreich, der in Paris speziell im Intellektuellenviertel St. Germain-des-Prés einwurzelte – Jahre hindurch als enger Mitarbeiter Jean-Paul Sartres an den „Temps modernes“ arbeitete, dies alles wird noch einmal in seinem Roman deutlich. Er Tat den scharfen Seziergeist seines Meisters. Er hat dessen Kühle. Daß sein Buch „Erbarmen Gottes“ heißt, bedeutet nicht, daß der Autor Mitleid mit den Gestalten seiner Phantasie besitzt. Aber, das Schreckliche wird wenigstens durch Humor ergänzt: Dieser Humor ist freilich keine harmlos versöhnliche Zutat. Daß Humor in manchem Falle (etwa in den „Nachrichten“, die der Journalist Match regelmäßig erfindet und in der Zelle, „sendet“) von ungeheurer Dämonie sein kann, ist hier wieder einmal erwiesen.