Ein kleines Berliner Kreditinstitut, die Allgemeine Wirtschaftsbank AG‚ hat auf Veranlassung des Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen seine Schalter geschlossen, da ihm – wie die amtliche Mitteilung besagt – „die Erlaubnis zum Betreiben von Bankgeschäften entzogen“ worden ist. Als Grund, gibt die Aufsichtsbehörde an, Schwierigkeiten seien entstanden, „weil im Ausland angelegte Gelder nicht termingemäß zurückgeflossen sind“. Verhandlungen zum Schutz der Einleger seien im Gange, Sparkonten habe das Institut nicht geführt.

Soweit die amtliche Mitteilung über das jüngste Fallissement im deutschen Bankgewerbe. Selbst wenn alle Aktiva des Instituts verloren wären, was kaum anzunehmen ist, wäre dies dem Geschäftsumfang nach nicht erschütternd. Die Bank ist 1894 in Köln gegründet worden, hatte 1934 ihren Sitz nach Berlin verlegt und hier nach der Umstellung des Grundkapitals von 0,5 Mill. EM auf 0,3 Mill. DM 1954 wieder die Geschäftserlaubnis erhalten. Vor dem Krieg hatte die relativ geringe Kapitalausstattung ausgereicht, um der Bank auskömmliche Finanzierungs- und sonstige Kreditgeschäfte zu ermöglichen. Die späte Wiederzulassung und das durch die Umstellung verringerte Kapital veranlagen die Geschäftsinhaber nach dem Krieg, sich im wesentlichen auf den Betrieb einiger Ostmark-Wechselstuben in Berlin zu beschränken, zumal erheblich größere alte und neue Banken bereits in den fünf vorangegangenen Jahren den Löwenanteil des eigentlichen Kreditgeschäfts auf sich vereinigt hatten. Solange der Zugang aus der Sowjetzone und aus Ostberlin in den freien Teil der Stadt noch möglich war, haben alle Berliner Kreditinstitute und Dutzende von Wechselstuben an der Marge zwischen dem An- und Verkaufspreis der Ostmark ihren soliden Verdienst gehabt. Mit der Errichtung der Sperrmauer kam dieses Geschäft praktisch zum Erliegen. Dies bewog die Aktionäre der Bank gegen Ende des vorigen Jahres dazu, ihre Anteile zu verkaufen.

Bis hierhin ließe sich von einem Schicksal spreeben, das in den Jahren nach dem letzten Krieg von der Sonderlage der alten Hauptstadt Berlin bestimmt war. Mit dem Verkauf der Geschäftsanteile, die zunächst treuhänderisch von der Schwäbische Treuhand-GmbH, Stuttgart, übernommen wurden, begann eine weitere Phase. Der neue, Aufsichtsrat, bestehend aus Rechtsanwalt Dr. Oskar Ruisinger, dem Fabrikanten Dr. Otto Stahl und Kaufmann Walter Strank, sämtlich in Stuttgart, bestellte den Bankkaufmann Fritz Haaf zum Alleinvorstand. Er hat, wie es jetzt heißt, schon im vergangenen November den überwiegenden Teil der flüssigen Mittel im Ausland, angelegt, wo sie inzwischen im Zusammenhang mit der Baisse an der New Yorker Börse „eingefroren“ sein sollen. Einen Anhaltspunkt für das im Rahmen des gesamten deutschen Kreditwesens unbedeutende Geschäftsvolumen gibt die letzte veröffentlichte Bilanz von 1960. Unter den damaligen Inhabern waren neben 0,3 Mill. DM AK und 0,03 offenen Reserven rund 0,9 Mill. DM Einlagen ausgewiesen.

Dem jetzt zurückgetretenen Aufsichtsrat muß schon bald die Tätigkeit des Alleinvorstandes nicht behagt haben, denn zur Jahreswende wurde an seine Stelle der frühere Reichsbank-Vizepräsident Kurt Lange berufen. Vielleicht war Lange Vertrauensmann des Einzelaktionärs, an den mittlerweile sämtliche Anteile der Bank übergegangen sein sollen. Allen Veränderungen innerhalb des Instituts lag der verständliche Wunsch zugrunde, ihm eine breitere Geschäftsgrundlage zu verschaffen. Lange selbst, der erst zwölf Jahre nach dem Zusammenbruch an den Ort seines früheren Wirkens zurückgekehrt wir, scheint nicht mehr vom Glück begünstigt zu sein. Ende 1957 übernahm er den Vorstand der damals neugegründeten Berliner Import- und Export-Bank AG, die schon Mitte 1959 in Liquidation ging. Ihr Hauptaktionär Hans Joachim Meister war zuvor wegen illegaler Stahlgeschäfte mit dem Osten verhaftet worden und verbüßt zur Zeit eine längere Freiheitsstrafe. Konnte die „Meister-Bank“ damals dank ausreichender Aktiva noch in aller Form abgewickelt werden, so wird jetzt – allerdings noch unbestätigt – von der Notwendigkeit eines Vergleichs gesprochen. Am gleichen Tag, als die Schließung der allgemeinen Wirtschaftsbank bekannt wurde, trat Lange dem Vernehmen nach eine Auslandsreise an. Sie wird mit den Bemühungen in Zusammenhang gebracht, die Einleger vor Verlusten zu schützen.

Hier beginnt unabhängig davon, ob und in welcher Höhe ein Schaden entsteht, das öffentliche Interesse. Aus gutem Grund ist das Bankgewerbe von jeher bemüht, Fehldispositionen und schwere Verlustengagements irgendeines Instituts in aller Stille auszugleichen, um das Vertrauen aller Banken nicht zu gefährden. Dieser Gedanke war auch bestimmend für den Erlaß des Kreditwesengesetzes vom 10. Juli 1961 und die darin vorgeschriebene Bildung des Bundesaufsichtsamtes in Berlin. Es soll bekanntlich „Mißständen im Kreditwesen entgegenwirken, die die Sicherheit der den Kreditinstituten anvertrauten Vermögenswerte gefährden“. Dieser Tatbestand ist hier wie in einigen anderen Fällen der jüngeren Vergangenheit nach Sinn und Wortlaut des Gesetzes erfüllt. Der Bundesaufsichtsbehörde ist allerdings zugute zu halten, daß sie erst seit Anfang dieses Jahres amtiert und seit Mitte dieses Jahres auch vom Bundesverfassungsgericht in ihrer Funktion bestätigt ist. Die tieferen Gründe für die Vorkommnisse der letzten Vergangenheit reichen in die Zeit vor der Gründung dieser Institution zurück. Bis dahin übten nach unbestrittener Rechtsauffassung auf Grund des alten Kreditwesengesetzes aus den dreißiger Jahren die Aufsichtsbehörden der Länder und die Landeszentralbanken die erforderliche Kontrolle aus. Sollte im jetzt bekanntgewordenen Fall an beiden Stellen unbemerkt geblieben sein, daß Einlagen in mehrfacher Höhe des Eigenkapitals zu Spekulationszwecken transferiert wurden? Denn nur dies kann sich hinter den nicht dementierten Behauptungen verbergen, sie seien durch die Wall-Street-Baisse eingefroren. Wie gering der Verlust und der Geschäftsumgang der Allgemeinen Wirtschaftsbank sein mögen und wie sehr auch jeder Versuch zurückzuweisen ist, daraus einen für Berlin „typischen“ Fall zu machen, so eindeutig ist für die Zukunft die Verantwortung. G. G.