Freispruch für KZ-Wächter Willi Dusenschön – Es bleibt ein erheblicher Tatverdacht

Hamburg

“Willi Dusenschön ist freigesprochen. Es istnicht gelungen, den Kommandanten der Wachmannschaft im Fuhlsbütteler Konzentrationslager des Mordes an dem Häftling Dr. Fritz Solmitz zu überführen. Nach wie vor besteht freilich ein erheblicher Verdacht, daß Dusenschön den wehrlosen, unmenschlich gepeinigten jüdischen Politiker im September 1933 bewußt in den Tod getrieben hat.

Nach dem Gang der Verhandlung war dieses Urteil zu erwarten. Dusenschön hatte, wenn er überhaupt etwas sagte, jegliche Schuld bestritten. „Mit dem Tod des Dr. Solmitz habe ich nichts zu Um“, war sein erstes und sein letztes Wort. Die Zeugen schilderten präzise ihre eigenen Leiden, aber ihre Angaben über Dr. Solmitz’ letzte Tage waren sehr viel weniger genau, beruhten oft nur auf Hörensagen und Spekulationen und widersprachen in einem wichtigen Punkt sogar den eigenen Aufzeichnungen des Opfers. Wie sollte man sich daraus ein klares Bild machen?

Am letzten Verhandlungstag, am Donnerstag voriger Woche, schien sich dennoch die Waage zu Ungunsten des Angeklagten zu neigen. Morgens machte der letzte Zeuge seine Aussage: Willi Bredel, Präsident der Ostberliner Akademie der Künste, Mitglied des SED-Zentralkomitees. „Sie sind Schriftsteller?“ fragte der Vorsitzende. „Eisen- und Metalldreher, seit 30 Jahren schriftstellerisch tätig“, antwortete der freundliche kleine Herr mit dem weißen Schopf in leicht hamburgischem Akzent.

„Alle zitterten“

Über Dr. Solmitz sagte Bredel, daß er in einer „Sonderaktion“ systematisch „bearbeitet“ worden sei, lange hätten die Schinder ihn ganz verschont, plötzlich aber hätten sie sich fast ausschließlich mit ihm „beschäftigt“: „Immer wieder liefen die SS-Männer durch die Gänge, und alles zitterte: Wer kommt als Nächster dran? Aber immer ging es nur um den armen Solmitz. Immer hörten wir das Schreien und Brüllen durch das ganze Gebäude. Und doch – der Mensch ist ja egoistisch, Herr Vorsitzender –, zugleich waren wir auch froh, selbst verschont zu bleiben. Man hatte den Schweiß auf der Stirn, wenn man Solmitz brüllen hörte... Ich atmete fast auf, als es zu Ende ging und sich die Nachricht verbreitete, daß Solmitz sich erhängt habe ...“