DIE ZEIT

Wirrwarr um Berlin-Pläne

Es ist kaum verwunderlich, daß es in Deutschland Leute gibt, die zum politischen Horoskop greifen, um ein wenig mehr Klarheit über die zukünftige Entwicklung der Politik zu gewinnen – denn aus den Reden und Verlautbarungen unserer Staatsmänner und Politiker erwächst ihnen wirklich wenig politischer Aufschluß.

Triumph für Macmillan

Die „Tories“ sind sich einig, daß sie einem Mann zu größtem Dank verpflichtet sind: Hugh Gaitskell. Ohne ihn wäre es nicht möglich gewesen, daß 97 Prozent der Delegierten auf dem konservativen Parteikongreß in Llandudno für den EWG-Kurs Macmillans gestimmt hätten.

Widersprüche in Rom

In einer Audienz, die der Papst Kardinal Wyszynski gewährte, hat Johannes XXIII. nach Aussage des Primas Polens von „den nach Jahrhunderten zurückgewonnenen polnischen Westgebieten“ gesprochen.

Richter-Gehälter

Die Gehälter der Bundesverfassungsrichter entsprechen denen eines Ministerialdirektors und betragen je nach Familienstand bis an die 3500 Mark.

Bereit zum Risiko?

Eigentlich hätte Außenminister Schröder diese Woche auch Lord Home und Couve de Murville in der amerikanischen Hauptstadt antreffen sollen; eigentlich hätte seine Washington-Visite der letzte prominente deutsche Besuch dieses Jahres in der amerikanischen Hauptstadt bleiben sollen.

wer....was....wo....warum...

Zwei Erwartungen stehen einander gegenüber: die regierungsamtliche amerikanische, daß es im November zu einer Verschärfung der Berlin-Krise komme; und die aus verschiedenen östlichen Äußerungen genährte Hoffnung, der Abschluß eines Separatfriedensvertrages gelte in Moskau nicht mehr als dringlich.

Nach der Revolte die Revolution

Im Norden des Jemen dauern die Scharmützel der Revolutionäre mit den königstreuen Stämmen an. Aber im Innern des Landes, in der Hauptstadt Saana und der Gegend um Tais, dem Sitz des Diplomatischen Korps, scheinen die Umstürzler die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen.

Schachzüge in Rom

Nach der wohlabgestimmten Symphonie von Prunk und Würde, wie sie während der Eröffnungsfeier des 21. ökumenischen Konzils der Katholischen Kirche geboten wurde, brachte gleich die erste – geheime – Vollsitzung (Generalkongregation) am vergangenen Sonnabend eine Überraschung.

Zeitspiegel

„Angeborener Respekt vor menschlicher Größe läßt mich dem Bundeskanzler sagen: Daß es in der Mitte des 20. Jahrhunderts Konrad Adenauer gegeben hat, macht die schmerzliche Schande, in dieser Zeit zu leben, beinahe erträglich.

Bomben auf Monte Carlo?

Wenn in Monaco die Kanonen donnern, dann weiß der getreue Untertan, daß im Hause Grimaldi der Storch eingekehrt ist. So wollte es jedenfalls bis heute der Brauch.

„Spezis” in der Strauß-Bilanz

„Der tüchtigste Minister der neudeutschen Geschichte sollte sein Amt verlassen, weil sich ein Passauer Zeitungsverleger gern von Damen die Sohlen kitzeln läßt.

Wähler ist Wähler

Der republikanische Kandidat für den Gouverneurposten von Michigan, Romney, verschmäht auf Stimmenfangtour keinen Trick. Auf einem Streifzug durch die Vorstadtviertel stapfte er in ein Polizeirevier.

Gefechte am Himalaja

Der indisch-chinesische Grenzkonflikt spitzt sich zu. Nicht im Westen, in Ladakh, wo die Chinesen große Landstriche besetzt haben, sondern im Nordosten, an der Dreiländerecke Indien-Tibet-Bhutan, wo es in den letzten Tagen mehrmals zu erbitterten und verlustreichen Gefechten gekommen ist.

Unklar und ratlos

Die Parlamentsdebatte über die Regierungserklärung brachte keine Überraschungen. Doch versucht man, den Inhalt der Reden zur Außenpolitik zusammenzufassen, so ergibt sich, daß bei aller Entschlossenheit zum äußersten Risiko auf beiden Seiten des Hauses – Ollenhauer hielt ja sogar dem Bundeskanzler vor, daß er diese Bereitschaft nicht deutlich genug gemacht hätte – eine beklemmende Ratlosigkeit spürbar war, Ratlosigkeit darüber, wie eine solche fürchterliche Gewaltprobe vermieden werden könnte, ohne daß Moskau die Bemühungen um eine friedliche Beilegung des Konflikts für Schwäche hielte und daraus eventuell Fehlschlüsse zöge.

Zapu im Exil

Jetzt ist Südrhodesien an der Reihe: Die Farbigen haben sich gegen die Politik des Premierministers Sir Edgar Whitehead erhoben.

„Freundschaft” in Ostberlin

Wladislaw Gomulkas Reise zu Ulbricht brachtedie SED-Prominenz in Hochstimmung und ließ bei ihr die Hoffnung aufleben, der polnische Parteichef werde in der Berlin- und Deutschlandfrage ganz den Standpunkt des ersten SED-Sekretärs einnehmen.

Rütli-Schwur – auf europäisch?

Ist die in Jahrhunderten bewährte Schweizer Neutralität heute zum Anachronismus geworden oder erfüllt sie noch eine politische Funktion? Kann die Alpenrepublik es sich leisten, wirtschaftlich abseits zu stehen oder muß sie zur EWG stoßen? Diese Fragen bewegen seit einiger Zeit die Schweizer.

Ein Prozeß mit vertauschten Rollen

Lebenslänglich Zuchthaus forderte die Bundesanwaltschaft für den sowjetischen Staatsbürger Bogdan Staschynskij. Nach Ansicht der Anklage hat Staschynskij im Auftrag des sowjetischen Komitees für Staatssicherheit die beiden: ukrainischen Exilpolitiker Rebet und Bandera heimtückisch ermordet.

Das Wunder von Freiburg

Im deutschen Südwesten ist eine Art von Wundergeschehen: Freiburg, die mit ihren 150 000 Einwohnern gerade noch als Großstadt zählende Metropole Süd-Badens, Mittelpunkt eines auch heute noch fast rein ländlichen Einzugsgebiets, geprägt vom Geist seines Weins, seines Fremdenverkehrs, seiner Universität und seines erzbischöflichen Münsters – das Freiburg der Seminaristen und Professoren, alemannischer Biedermänner und millionenschwerer Rentiers, dessen „Arbeiterklasse“ sich heute schon fast nur noch aus Italienern und Spaniern rekrutiert –, ausgerechnet diese Stadt hat mit absoluter Mehrheit einen Sozialdemokraten zum Oberbürgermeister bestellt.

Politiker vor dem Kadi

Nach dem Landesverwaltungsgericht in Schleswig wird sich demnächst das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg mit der „Klage der SPD-Fraktion der Lübecker Bürgerschaft gegen die Bürgerschaft befassen müssen.

Schild-Bürgereien

Die Schilder hängen immer noch. Zuerst nahm man an, sie hingen nur vorübergehend – vielleicht solange, wie an den Böschungen noch gearbeitet wird.

Straßen für den Luftschutz?

Das seltene Schauspiel, daß sich Verkehrsexperten eigenhändig darum bemühen, einer Verkehrsstockung Herr zu werden, bot sich unlängst in Stuttgart: Während einer Besichtigungsfahrt der Studiengesellschaft für unterirdische Verkehrsanlagen (Stuva) blieb einer ihrer Omnibusse plötzlich mitten im dichtesten Verkehrsgewühl stehen.

Zeittragen: Wievielmal deutsche Kultur?

Wer sich von Berufs wegen, also intensiv, mit „deutscher Kultur“ beschäftigt, kann sich eines Tages der Einsicht nicht mehr verschließen, daß er „auf dem kulturellen Sektor“ arbeitet.

Zeitmosaik

Bereits 1957 hatte die Malerin Gabriele Münter der Städtischen Galerie in München ihren Kandinsky-Besitz als „Gabriele-Münter-Stiftung“ vermacht: 88 Gemälde, 44 Hinterglasbilder, 116 Aquarelle und Temperablätter, 160 Handzeichnungen, 28 Notiz- und Skizzenbücher und das frühe druckgraphische Werk.

Kleiner Kunstkalender

Ein neues Wort für eine nicht ganz neue Sache. Schrift ist nicht nur zum Lesen da, Buchstaben und Worte dienen nicht nur zur Übermittlung von Inhalten.

Wolfgang Ebert:: Modell Würzburg

„Keineswegs“, sagte mein hoher Justizbeamter, leicht indigniert, „ich rede von Personen, die solche Anzeigen erstatten. Das ist doch wirklich allerhand! Bloß weil Professor Schiedermaier damals SS-Sturmbannführer, Rassentheoretiker, Beisitzer bei Standgerichtsverfahren in Norwegen war und sich 1939 gegen die Auswanderung von Juden aus dem Protektorat ausgesprochen hat, bloß darum soll er nicht mehr Präsident eines bayerischen Verwaltungsgerichtes sein dürfen? Lächerlich! Geradezu eine Beleidigung für die Würzburger Justiz.

Unsere Sprache: So steigern wir alle Tage

Wenn freilich die Mutter bei Curd-Jürgens abendlicher Heimkehr vom Spielplatz kopfschüttelnd feststellt, sein Hemd sei mittags sehr viel weißer gewesen, als es jetzt ist, so muß ihr das unbenommen bleiben.

Atom-Verbrechen

Es ist kein Aufruf gegen Atomversuche, der mit diesen Worten beginnt. Es ist der neue Paragraph 322 des geplanten Strafgesetzbuches – zitiert nach der amtlichen Drucksache 200/62 des Deutschen Bundesrates –, einer der 484 Paragraphen, die nach dem Willen der Regierung uns künftighin künden sollen, was gut und böse ist.

Sellner, Karajan und Felsenstein

Die Oper in Westberlin ist in einer ganz anderen Lage als das Schauspiel. Für Boleslaw Barlog ist es wichtig zu wissen, was Piscator, Raeck und Wölffer in ihren Privattheatern aufführen.

Kein Parkplatz für Betten

Paul erwachte, weil es klingelte. Soll später kommen, dachte er. Er schlief wieder ein. Dann scheuchte ihn Motorradgedröhn aus dem Schlafe.

Zimmer in München

Werfen Sie einen Blick in die Zimmerannoncen der Süddeutschen Zeitung, so meinen Sie, sich in der Rubrik geirrt zu haben. Nicht Zimmer, sondern Arbeitsplätze werden angeboten: 90,– DM ein Zimmer in Schwabing gegen Mithilfe im Haushalt, Saubermachen, Kochen, auch sonntags.

Peter Rühmkorf:: Der Dichter zwischen Stürmern und Verdrängern

Abend. Und das Gedicht angeblich nur noch mit sich selbst im Bunde, die Strophe absolut, der Inhalt abgetan, die Syntax überfällig, die Wörter unbezogen – wir aber wollen heut, da von der Krise schon die Dorfhähne krähen und über Kontaktbruch, Diskontinuität und Wirklichkeitsverlust die einschlägige Lagedeutung bestens unterrichtet, wir wollen lieber einmal an einem nicht ganz unbekannten Beispiel dartun, wie recht bestimmte Fakten und Geschehnisse die Fundamente der herkömmlichen Schreibweise erschüttern können.

Film

„Sturm über Washington“ (USA; Verleih: Columbia): „Advise and Consent“, das Buch des Journalisten Allen Drury, das dem Film zugrunde liegt, ist ein Schlüsselroman mit dem Ziel eines politischen Pamphlets.

Theater

Die Shakespeare-Aufführung (Fritz Kortners Bearbeitung des Schlegelschen Textes), mit der die Berliner Festwochen ausklangen, ist eine der rundesten Kortner-Leistungen.

Funk

„Klopfzeichen“, „Die Sprechanlage und „Konzert für vier Stimmen“ dauerten zusammen achtzig Minuten. Nicht allein ihrer Kunze wegen waren es nicht Hörspiele, sondern Szenen, Einakter für Funk.

"Gruselkabinett" des Gualtiero Jacopetti

Der hitzige Streit um diesen italienischen Dokumentarfilm beginnt schon beim Titel. Die einen, sagen, es sei ein Schimpfwort: Verdammt nochmals Die anderen behaupten, es sei ein Ausruf, zwischen Melancholie und ungläubigem Erstaunen: Nun schau dir das bitte mal an.

Fernsehen: Der Brei der Halbbildung

Eine Reihe recht guter Reportagen und Dokumentationen. Der Schlußteil der Jungkschen „Anatomie eines Kontinents“ allerdings fiel, nach vorausgegangenen Höhepunkten, wieder etwas ab.

Von der Schaubühne zur Weltbühne

Vermutlich ist die Rollenhaftigkeit des bürgerlichen Daseins um die Jahrhundertwende dafür verantwortlich zu machen, daß eine Reihe, unserer besten Publizisten aus Theaterkritikern zu Gesellschaftskritikern wurden.

Zu empfehlen

ES ENTHÄLT wie die bisherigen Auflagen Kapitel über „Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert“, „Die Struktur des modernen Romans“, „Die Revolution der deutschen Prosa“, „Thomas Mann und die Welt der Antike“, „Hermann Broch“ und „Gottfried Benn“; es wurde erweitert um Kapitel über „Die Perspektive im Roman“, „Antikes und modernes Drama“, „Das Bild des Jugendlichen in der modernen Poesie“, Kafka, Isaak Babel und Eugen Gottlob Winkler.

Kein zweiter Pasternak

Der Bauernjunge Anton Medwedew, Jahrgang 1909, wächst in einem westrussischen Dorf auf, erlebt den Durchmarsch der Rotarmisten, den Typhustod des Vaters, den Zerfall der Familie.

Das Dunkle und das Helle

Ich saß, das Sonnenlicht filterte durch die Platanenzweige, manchen schönen Sommertag auf einer Bank im Stadtpark von Montpellier und las Sainte-Beuve.

Opfer eines ungeheuren Betrugs

An dem Stoff kann es nicht liegen: In der Hand eines Geringeren wäre die Geschichte des gutwilligen Journalisten, der vergebens gegen eine abgefeimte Umwelt angeht, gerade gut genug für die Hintertreppe.

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