BERLIN (Schillertheater) :

"Was ihr wollt" – von Kortner inszeniert

Die Shakespeare-Aufführung (Fritz Kortners Bearbeitung des Schlegelschen Textes), mit der die Berliner Festwochen ausklangen, ist eine der rundesten Kortner-Leistungen. Vor einigen Jahren war diese Komödie in München schon einmal von ihm erarbeitet worden. Zwei Werkschichten stießen noch hart aneinander: die Liebesverwirrung in den "zwölf Nächten" und ein Rüpelspiel, das zum Komödiantenzirkus wurde. – Der illyrischen Romanze verliehen die originellen Bühnenbilder von Jörg Zimmermann traumhafte Atmosphäre. Die Musik (von Herbert Brün) hob den Herzog hervor (Lothar Blumhagen), so daß die wenig dankbare Rolle an Volumen gewann. Warum aber reduzierte Kortner das Pendant, die Gräfin Olivia, zur Nebenrolle, indem er sie mit Anneliese Römer falsch besetzte? All seine bosselnde Regisseurliebe gehörte der Viola. Heidemarie Theobald, wiederholt von Kortners Hand modelliert, spricht nun schon so unverwechselbar Kortner-Töne, daß sie aus Angst vor einem falschen Ton anscheinend den Mut zum Gefühlsausbruch verliert. Die bedeutendste, durchaus werkgemäße Behandlung durch Regie erfuhr der melancholische Narr: eine reife, überzeugende Leistung von Carl Raddatz. – Als Volksfest, überglitzert von komödiantischer Virtuosität, begab sich zwischendurch das Rüpelspiel. Carla Hagen stimmte als Kammerzofe Maria eine ansteckende Lacharie an (wofür früher Alma Seidler berühmt war). Rudolf Rhomberg (Rülp) und Stefan Wigger (Bleichenwang) trieben so unritterlich wie theatralisch unkonventionell ihren Schabernack mit Malvolio, den Curt Bois vorführte: ein Clown à la Grock. Die Premiere wurde schier endlos bejubelt.

BREMEN (Kammerspiele):

"Tag für Tag" von Arnold Wesker

Nach zwei vergeblichen Anläufen ist jetzt zum erstenmal ein Stück von dem dreißigjährigen Londoner Autor in Deutschland zu sehen. Es bildet den Mittelteil einer Drama-Trilogie, die von einem proletarischen Standpunkt aus Gesellschaftskritik am britischen Establishment übt. Stilistisch würde eine Wesker-Invasion, die sich ankündigt, für Deutschland die dritte Auflage des Bühnennaturalismus darstellen. Weltanschaulich sollen wir für eine sozialistische Fortschrittsgläubigkeit interessiert werden, die hierzulande abgestanden wirkt. "Tag für Tag" erweist sich als minuziöse Milieustudie aus dem englischen Landarbeiterdasein, gestützt von lebensvollen Typen, gewürzt von einem liebenswerten englischen Humor, mit dem der Autor zuweilen der Langweiligkeit seiner Szenen begegnet. Ein junges Mädchen vom Lande, in London verlobt mit einem Intellektuellen, plappert zu Hause den verdutzten Verwandten das reformistische Vokabular des Sozialisten vor. Als der kluge Mann das arme Kind schließlich abschiebt, erkennt Beatie, daß sie gar nicht wiederkäut, sondern selbständig denken gelernt hat und damit wieder "Wurzeln" besitzt ("Roots" lautet der Originaltitel). Da hebt die Ideologie des Verfassers seinen Humor leider wieder auf. – Die Inszenierung von Johannes Schaaf (Ausstattung: Manfred Miller) konnte das neue Bremer Niveau (von Zadeks "Luther"-Inszenierung) nicht halten, machte aber in der Hauptrolle mit einer komödiantisch starken, wenn auch technisch noch unfertigen Begabung bekannt: Hannelore Hoger. Auch Katharina Tüschen ließ aufhorchen. Suggestiv wirkte als kapitalistischer Gutsverwalter (in einem einzigen Auftritt) Friedhelm Ptok (Bremens Luther). Das Publikum applaudierte kräftig.

LÜBECK (Städtische Bühnen): "Der Schwur" von Alexandre Tansman

Diese einstündige Oper stützt sich auf eine Erzählung von Balzac. Ein betrogener Ehemann läßt den Schrank, in dem der Geliebte seiner Frau steckt, zumauern. Die Schauerballade, an Schillings’ "Mona Lisa" erinnernd, wurde von dem in Paris lebenden Polen Tansman (geb. 1897) als Traumspiel mit Sprecher und Rückblenden vertont. "Eine Art romantisch untertönter Verismus", sagt das "Hamburger Abendblatt" dazu – und "Die Welt": "Mord wird hier in Aquarell gepinselt... Nachdrücklich wird Debussy beschworen." Der zur deutschen Erstaufführung nach Lübeck gekommene Komponist wurde vom Publikum mit viel Beifall bedacht. Die Inszenierung hatte Georg Reinhardt (Wuppertal) geleitet. Dirigent: Martin Mälzer. In den Hauptpartien: Gisela Knabbe, Willi Nett und Helmut Schon. – Nach der Pause wurde Strawinskijs "Petruschka" getanzt. Jac