Von Harry Pross

Vermutlich ist die Rollenhaftigkeit des bürgerlichen Daseins um die Jahrhundertwende dafür verantwortlich zu machen, daß eine Reihe, unserer besten Publizisten aus Theaterkritikern zu Gesellschaftskritikern wurden. Die auf die Bretter gestellte Sozialkritik der zeitgenössischen Autoren allein erklärt den Übergang nur unvollständig und den langanhaltenden Erfolg ursprünglich theaterkritischer Begabungen in der Politik überhaupt nicht.

Das Theater stand am Anfang von Maximilian Harden und Karl Kraus, der „Neuen Rundschau“ und der „Weltbühne“, um nur ganz wenige Publizisten und Publikationsmittel der Intelligenz zu nennen; aber daß sie aus diesen Anfängen weiterwuchsen und durch Jahrzehnte auf ihnen aufbauen konnten, muß wohl breiterer Übereinstimmung zugeschrieben werden.

Die „Weltbühne“ etwa trat 1905 als „Schaubühne“ ins Leben, weil der Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn ein eigenes Organ brauchte. Er war mit Überzeugung und Fleiß in eine höchst unangenehme Situation geraten, Radikaler und überlasteter Kritiker der „Welt am Montag“, wurde er 1904 vom rivalisierenden „Berliner Tageblatt“ des Plagiats überführt. Der „Fall Jacobsohn“ wurde zu einem literarischen Skandal ausgeweitet. Die Urteile schwankten zwischen persönlicher Gehässigkeit und sachlicher Entschuldigung mit Kryptomnesie durch C. G. Jung. Jacobsohn jedenfalls konnte an der „Welt am Montag“ nicht länger schreiben und gründete sein eigen Blättchen, die „Schaubühne“.

Als Theaterrevue überstand die „Schaubühne“ mit Mühe die nächsten Jahre zuerst im eigenen, dann im Verlag von Erich Reiss, der sie mit Honoraranteilen seines Stars Maximilian Harden stützte. Interessant ist außer diesem Wohlwollen Hardens vor allem die stete Wendung zur Politik, die sich in der „Schaubühne“ gegen die Theaterbesessenheit ihres Herausgebers vollzog. 1913 erschien der erste politische Beitrag, und 1918 war die Zeitschrift so weit von den Brettern, die ihr einmal die Welt bedeuteten, entfernt, daß aus der „Schau-“ die „Weltbühne“ wurde.

Programm und Geschichte dieser Zeitschrift sind das Thema einer Dissertation, die Professor Prakke (Münster) in der Reihe „Studien zur Publizistik“ als Band 2 veröffentlicht –

Alf Enseling: „Die Weltbühne – Organ der intellektuellen Linken“; Verlag C. J. Fahle, Münster; 191 S., 19,50 DM.