Den literarischen Erfolg begleiten Mißverständnisse, den Ruhm Legenden. Das gilt nicht nur für einzelne Schriftsteller, sondern auch für das Echo, das Gruppen, Richtungen und Schulen zuteil wird. Die Erfahrungen unserer Generation lehren jedoch, daß Vorurteile und Legenden, die ein ganzes Kollektiv betreffen, besonders hartnäckig sind und zu gefährlichen Folgen führen können. Sie entspringen meist dunklen Emotionen, unkontrollierten Wallungen und fragwürdigen Affekten. Wo sie am Werk sind, muß man sich mit strenger Konsequenz an die Fakten halten. Nur sie ermöglichen es, das Verhältnis von Legende zu Realität zu erkennen. Und nichts leistet im Kampf mit den Vorurteilen so gute Dienste wie schlichte Logik.

Günter Blöcker bestreitet einleitend, Gegner des Schriftsteller-Freundeskreises „Gruppe 47“ zu sein, kommt aber nach einer Reihe von gewichtigen Vorwürfen zu dem Ergebnis, daß die literarische Öffentlichkeit in Deutschland „eben drauf und dran (ist), abgeschafft zu werden, um der einen literarischen Öffentlichkeit Platz zu machen, die allein von der Gruppe 47 hergestellt, repräsentiert und kontrolliert wird“.

Wie ist es möglich – muß ich fragen – „zu einer wohlwollenden Indifferenz“ da zu neigen, wo sich eine „totale Clique“ die gesamte literarische Öffentlichkeit unterwerfen will? Zeugt nicht eine derartige Haltung des Kritikers von erschreckender Verantwortungslosigkeit? Oder vielleicht davon, daß der, der einer Legende zum Opfer gefallen ist, zugleich von seiner Logik auf beängstigende Weise im Stich gelassen wurde?

Alle Vorwürfe Blöckers betreffen im Grunde zwei Fragen:

1. den Verlauf der Tagungen der „Gruppe 47“, 2. die Rolle dieser Gruppe im literarischen Leben.

Da er sich an Thomas Mann und Gerhart Hauptmann erinnert, gibt er zu, daß ein Schriftsteller mitunter das Bedürfnis empfindet, unveröffentlichte Arbeiten seinen Kollegen vorzulesen, um deren Ansichten zu hören – nur daß er sich einen solchen „delikaten Akt“ lediglich „im kleinsten Kreis freundschaftlicher Gleichgestimmtheit“ vorstellen kann.

Das zeugt nicht gut von seiner Vorstellungsgabe. Denn es gibt viele Autoren – und es sind weder die dümmsten noch die unbegabtesten – die dem Urteil auch derjenigen Menschen Bedeutung beimessen, die sich nicht unbedingt durch absolute „Gleichgestimmtheit“ auszeichnen.