Die freundliche Redaktion dieses Blattes läßt mich wissen, daß ich einem on dit zufolge als Gegner der Gruppe 47 gelte. Mit dieser mich nicht wenig überraschenden Mitteilung verbindet sie die Bitte, ich möge doch einmal meine Einwände formulieren.

Ich folge der Aufforderung gern – nicht etwa, weil es mich danach verlangte, meinem ohnehin nicht gepreßten Herzen Luft zu machen, sondern weil mir hinter dieser Einladung eine Vorstellung zu stehen scheint, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Die Vorstellung nämlich, die Gruppe 47 spiele in meinem Denken und Schreiben eine so große Rolle, daß da überhaupt so etwas wie eine tiefergehende Gegnerschaft entstehen könnte. Ich bekenne, in dieser Angelegenheit eher lau zu sein und zu einer wohlwollenden Indifferenz zu neigen – jedenfalls solange die Gruppe tatsächlich das ist, was sie in einer humoristischen Selbstdarstellung, die Hans Magnus Enzensberger jüngst von ihr gegeben hat, zu sein behauptet: eine friedliche Zusammenrottung mehr oder minder junger Leute, die sich gegenseitig Geschichten vorlesen.

Ob sie das wirklich ist und sein will, davon später. Zunächst einmal möchte ich mich darüber wundern dürfen, wie wenig heute in Deutschland dazu gehört, irgend jemandes Gegner zu sein oder doch dafür zu gelten. Wenn ich meine kritischen Arbeiten überdenke, brauche ich nicht einmal die zehn Finger meiner beiden Hände, um die Bemerkungen zu zählen, die ich in rund zwölf Jahren über oder gegen die Gruppe gemacht habe. Sollte etwa die bloße Tatsache, daß einer nicht mitmarschiert, schon ausreichen, ihn zum Gegner zu stempeln? Und das in einer literarischen Gemeinschaft, die, wie uns der vor kurzem erschienene Almanach der Gruppe lehrt, nicht müde wird, sich heftigen Tones und mit etwas irritierender Nachdrücklichkeit zu demokratischen Prinzipien zu bekennen?

Viel auffallender als die paar Seitenhiebe gegen die Gruppe, die sich in meinen Vorträgen und Rezensionen finden, ist mir das Faktum, daß ich über einige ihrer Mitglieder ziemlich frühzeitig und außerordentlich enthusiastisch geschriebenhabe: über Hans Jürgen Söhring im Jahre 1950, über Ingeborg Bachmann und Herbert Eisenreich 1954, über Uwe Johnson 1959, als noch keiner, auch nicht die Gruppe 47, so recht wußte, was man mit den „Mutmaßungen über Jakob“ anfangen sollte. Allerdings habe ich mich in keinem Fall darum gekümmert, ob sie zu irgendeiner wie auch immer benannten literarischen Loge gehörten. Ihre schriftstellerische Person erschien mir wichtiger und interessanter als ihr möglicher Hang zu literarischer Kumpanei. Im Falle Eisenreichs – ich gestehe es ohne Erröten – habe ich überhaupt erst vor einigen Wochen aus besagtem Almanach erfahren, daß er 47er ist.

Man mag daraus schließen, wieviel mir dergleichen bedeutet und daß es kaum persönliche Animositäten sein können, die mich zwar nicht zum Gegner der Gruppe machen, wohl aber mich hindern, die anscheinend für selbstverständlich gehaltene Rolle eines publizistischen Sekundanten zu übernehmen. Des weiteren aber mag man aus diesen Daten ersehen, daß einige der begabtesten Mitglieder der Gruppe bald nach dem Erscheinen ihrer ersten Arbeiten ein Echo auch außerhalb des Freundeskreises gefunden haben, und das doch gewiß nicht allein bei mir. Enzensbergers tendenziöse Behauptung, wonach wir ohne die Gruppe 47 sozusagen keinen Böll und keine Bachmann hätten, ist also pure Polemik. Polemik von der Art, wie sie heute beliebt ist: pamphletistisches l’art pour l’art‚ Indianerspielerei, die Vergnügen daran findet, über Scheinfiguren zu triumphieren, die man zuvor eigens zu diesem Zweck aufgestelt hat. Der Pappkamerad, auf den sich’s munter schießen läßt, ist in diesem Falle die vorgebliche Stumpfheit der literarischen Öffentlichkeit, die man nur durch Gruppenaktionen habe überwinden können. Ich glaube, man kommt der Wahrheit näher, wenn man sagt: Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll hatten Erfolg, weil sie Talent hatten, weil sie in richtigen Augenblick kamen, weil das Publikum für sie bereit war und die Kritik auch. Damals, zu Beginn der fünfziger Jahre, hatte die Gruppe noch gar nicht Gewicht genug, um der Öffentlichkeit einen Autor aufnötigen zu können. Knapp zehn Jahre später, als es um Günter Graß und „Die Blechtrommel“ ging, sah das schon anders und weniger harmlos aus.

Doch bleiben wir zunächst noch etwas bei davon Enzensberger so liebevoll ausgemalten Idylle der einander Manuskripte vorlesenden Damen um Herren. Warum sollten sie nicht? Das ist nun wirklich eine Geschmacksfrage, und ich kann nur sagen: Mein Geschmack ist es nicht. Die erste öffentliche Preisgabe eines Textes ist ein delikater Akt, er hat seine eigene Würde. Ich kann ihn mir nur im kleinsten Kreise freundschaftlicher Gleichgestimmtheit vorstellen. Die Kritik liegt in den Nuancen der Aufnahme – mehr eine Sache der atmosphärischen Beredsamkeit als der Worte. So haben Thomas Mann und Gerhart Hauptmann das eine oder andere vorgelesen und erprobt. Der Gedanke, daß sie oder irgendein anderer von Belang, Musil, Kafka, Ricarda Huch, Benn, und sei es in ihren frühesten Anfängen, auf den berüchtigten „elektrischen Stuhl“ der Gruppe 47 geklettert wären, um sich einer buntgescheckten Schar von konkurrierenden Talenten zur Beurteilung zu stellen, von Dichtern und (nicht zu vergessen Dichtersgattinnen, die nur so darauf brennen, kritisch losgelassen zu werden, von Stegreif-Rezensenten, die ihrem Publikum eine „Schau“ schuldi; zu sein glauben, oder schlicht von Leuten, die hier eine Chance sehen, ohne Risiko mitzureden – dieser Gedanke kommt mir wie ein schlechter Scherz vor.

Die unmenschliche Atmosphäre dieser Lesungen mit anschließendem kritischen Gemetzel ist von den Teilnehmern selbst oft genug mit sonderbarer Inbrunst beschrieben worden. Man kann da gar nicht übertreiben. Es sind „Härteproben“, die zu bestehen den echten 47er augenscheinlich mit dem gleichen Stolz erfüllt, wie es die Mannbarkeitsriten gewisser primitiver Völkerstämme tun. Hans Werner Richter, Initiator der Gruppe – auch über ihn habe ich vor mehr als zehn Jahren geschrieben, wenn auch ohne Enthusiasmus – gibt in dem einleitenden Aufsatz des Almanachs zu verstehen, daß nicht so sehr schriftstellerische Qualität und literarische Überzeugungskraft Voraussetzung für die dauerhafte Zugehörigkeit zur Gruppe seien als vielmehr Standfestigkeit und Haltung bei der Hinnahme selbst der vernichtendsten Kritik. Eine höchst sonderbare Bemerkung, die für mein Gefühl eher den Elite-Vorstellungen einer schlagender Verbindung entspricht als denen einer um die Literatur besorgten Schriftstellergemeinschaft.