Die älteste Trophäe des Segelsports, der 111 Jahre alte "America"-Pokal wurde Ende September in fünf Rennen vor Newport, Rhode Island, zum achtzehntenmal erfolgreich von den amerikanischen Seglern mit der 12-m-R-Jacht "Weatherly" gegen den australischen Herausforderer "Gretel" verteidigt. Das Rennen der zwei etwa 20 Meter langen Jachten der heute größten internationalen Rennklasse mit je 11 Mann Besatzung hat monatelang nicht nur die Fachzeitschriften, sondern auch die Weltpresse beschäftigt. 20 000 Zuschauer auf etwa 1500 Begleitschiffen nahmen an den fünf Rennen teil, darunter als prominentester auf einem Zerstörer Präsident Kennedy, und zwar nicht nur, weil er ehemaliger Rennsegler im Starboot ist, sondern offiziell in seiner Eigenschaft als Präsident der USA, zu dessen dienstlichen Pflichten es gehört, sein Interesse für die Segelrennen zu bekunden.

Ist das Rennsegeln, das stets als exklusiv galt und dessen Wettkämpfe zumeist unter Ausschluß der großen Öffentlichkeit stattfinden und in den Tageszeitungen höchstens mit 10-Zeilen-Meldungen abgetan werden, plötzlich zu einem Massen- und Zuschauersport geworden? Nicht einmal die großartigen Olympiaregatten der Segler in Neapel, wo sich 138 Boote mit Meisterseglern aus 46 Ländern harte Kämpfe um die Olympiamedaillen lieferten, wurden von einer irgendwie nennenswerten Zahl Zuschauer verfolgt.

"Die See hat keine Galerie!" sagt der Seedichter Joseph Conrad. Segeln kann auch – Gott sei Dank! – niemals ein Zuschauersport werden, weil Wasser nun einmal keine Balken hat, auf denen man Zuschauertribünen errichten könnte, und weil weder die Rennsegler selbst noch die Regattaveranstalter zahlreiche, das Regattageschehen störende Zuschauerboote lieben. Daß in den USA während der Pokalrennen aus einem Aschenbrödel unter den Sportarten plötzlich ein Star wurde, liegt einmal daran, daß die Verteidigung der häßlichen alten Silberkanne, die 1851 von der Jacht "America" aus England nach den USA entführt wurde, für die Amerikaner eine Prestigefrage und beinahe eine nationale Angelegenheit ist, die nicht nur die Segelsportler interessiert. Zum anderen, weil Nordamerika nicht nur die größte seefahrende Nation, sondern auch das größte Segelsportland der Welt ist. In den USA gibt es 3,5 Millionen Sportsegler. In der Bundesrepublik sind es bescheidene 20 000 bis 30 000 den Vereinen angehörende und etliche tausend unorganisierte "wilde" Segler.

Durch die "America"-Pokal-Rennen der kostspieligen Zwölfer, die von Konsortien von Millionären gebaut und unterhalten werden, und durch die überall in Europa aufkreuzenden Millionärsjachten ist der amerikanische Segelsport in der Welt als der exklusive Sport der Millionäre verschrien. Aber wie in allen anderen Ländern auch, sind tatsächlich die meisten amerikanischen Sportboote kleinere, erschwingliche Fahrzeuge. Vielfach entstehen sie im Selbstbau oder aus den in Amerika erfundenen "Kits" (Bootsbaukästen mit vorgefertigten Teilen, die man nur zusammenzuschrauben braucht). Die 1931 in Amerika geschaffenen Snipe-Boote, die in ihrer Größe und Art ziemlich genau den Piratenbooten, der zahlenmäßig stärksten deutschen Bootsklasse, entsprechen, wurden nicht nur als billiges Regattaboot, geeignet für den Anhängertransport hinter einem Pkw sondern auch als einfaches Boot für den Selbstbau konstruiert. Von den bei der Internationalen Snipe-Segler-Vereinigung registrierten mehr als 10 000 Snipe-Jollen sind tatsächlich nicht weniger als 60 Prozent im Selbstbau entstanden. Von den 1165 deutschen Piratenbooten, die von den Seglern selbst gebaut werden können, dürfte der Anteil der Selbstbauten kaum fünf Prozent betragen.

Auch die weltberühmten Starboote, unkonventionelle kistenförmige Boote, seit 1932 olympische Zweimann-Kielboot-Klasse, entstanden 1910 in Amerika als billiges Regattaboot für den "kleinen Mann" und waren in ihrer Konstruktion so einfach gehalten, daß sie ein einigermaßen handwerklich begabter Segler notfalls selbst zusammennageln konnte. Daß auch dieses internationale Einheits-Rennboot heute seine zehntausend DM kostet, kommt daher, daß Boote für den internationalen Wettkampf in Bauausführung und Ausrüstung immer mehr verfeinert und dadurch aufwendiger und kostspieliger werden. Wenn es die Klassenvorschriften nur irgend zulassen, versucht jeder Rennsegler – und dafür ist ihm nichts zu teuer sein Boot besser und schneller zu machen.

Trotzdem gibt es in den USA mehr segelnde Millionäre als anderswo, aber nicht nur, weil in dem großen reichen Land die Zahl der Millionäre größer ist als anderswo, sondern weil wohl kein anderes Land der Welt solche tausendfachen Möglichkeiten für den Wassersport bietet. Die endlosen Meeresküsten, von denen die Atlantikküste weichen Sand hat, der nur an wenigen Stellen durch schroffe Felsenufer unterbrochen wird, die vielen Flußmündungen und die unzähligen großen und kleinen Seen, die klimatische Lage, die von mitteleuropäischem Klima bis zum Tropenklima reicht, schaffen Voraussetzungen für den Segelsport, um die man die Nordamerikaner beneiden muß.

Zwar ist es heutzutage am Wochenende nicht immer eine reine Freude, auf dem Long Island Sound zu segeln, wenn nicht nur die Wassersportler der 13-Millionen-Stadt New York, sondern auch die der anderen am Sound gelegenen großen Städte ausschwärmen, aber daneben gibt es Wassersportgebiete, die so ausgedehnt, einsam und fast unberührt sind, daß man jeden Tag auf neue Entdeckungsfahrten ausgehen kann.