HAMBURG (Thalia-Theater):

„Die Nacht des Leguan“ von Tennessee Williams

Zehn Monate nach der Uraufführung am Broadway erreichte Williams’ vorletztes Stück Deutschland. Gleichzeitig mit Willy Maertens, der in Hamburg sogar den „Süßen Vogel Jugend“ inszeniert hatte, brachte O. F. Schuh die deutsche Erstaufführung des „Leguan“ in Köln heraus (Regie: Charles Regnier, in den Hauptrollen Gisela Holzinger, Grete Mosheim, Wolfgang Kieling). Das Stück bestätigt, daß sein Autor seine Schaffenskrise überstanden hat („Zeit der Anpassung“). Auffallend ist auch der „Hauch von Hoffnung“, mit dem Williams seine Figuren und die Zuschauer diesmal entläßt. Nicht der Schock ist Trumpf, sondern Güte und Tapferkeit, mit denen Hannah Jelkes die Einsamkeit besteht.

Als weibliche Hauptgestalt figuriert nicht die Sexualbestie (obwohl sie ein Williams-Typ ist, die Witwe Faulk mit ihren Gigolos), sondern der Gegentyp Hannah: die unberührte, unberührbare Jungfrau, der gleichwohl nichts Menschliches fremd ist. Mit einem alten dramaturgischen Laster des Autors ist der Mann zwischen den zwei Frauen behaftet: ein ausgestoßener Priester, der als Reiseleiter eine Gesellschaft von mißlaunigen Ladies aus den Staaten durch Mexiko führt und abermals wegen „Unzucht“ davongejagt wird. Als wütenden Gottsucher wie als labilen Triebmenschen analysiert Williams seinen Lawrence Shannon so ausdrücklich und vollständig, daß für den Schauspieler die undankbare Aufgabe entsteht, eine ihres Geheimnisses durch Theorie beraubte Gestalt komödiantisch aufzufüllen. In Hamburg nahm der figürlich passende Heinz Bennent Rhetorik zu Hilfe. Die faszinierende Mittelpunktsleistung gelang Gisela Mattishent. Großartig! Inge Meysel spielte unter Willy Maertens’ subtiler Dialogregie die Witwe Faulk präzis, jedoch weniger als eine von Lüsten Getriebene, mehr als resolute Hotelwirtin. Der geübte Williams-Regisseur Maertens profilierte treffend auch einige Nebenfiguren. Seinem Bühnenbildner Erich Grandeit vermochte er jedoch nur eine naturalistische Dekoration abzugewinnen, die dem Stück die Natursymbolik schuldig blieb. Befremdet sah man nebenbei von Williams eine Karikatur deutscher Touristen. Ein „Panzerfabrikant aus Frankfurt“ und ein „Wagner-Tenor“ wirken im Jahre 1940 an der mexikanischen Küste unglaubwürdig.

STUTTGART (Kleines Haus):

„Der Nachfolger“ von Reinhard Raffalt

Das Kleine Haus des Württembergischen Staatstheaters war mit einem historischen Irrtum eingeweiht worden, der durch einen wohldurchdachten Versuch Günther Rennerts nach fünfzig Jahren nicht korrigiert werden konnte: Molières Komödie „Der Bürger als Edelmann“ an einem Abend mit der Urgestalt der Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauß und Hofmannsthal. Dann folgte als Uraufführung ein Schauspiel, dessen Thema zur Zeit des römischen Konzils nicht aktueller hätte sein können: das Konklave einer Papstwahl. Nach seinen eigenen Worten wollte der Autor „die ganze Problematik des Verhältnisses zwischen der Katholischen Kirche und der Menschheit in ihrem gegenwärtigen Zustand darstellen“. Der deutsche Publizist Reinhard Raffalt ist 38 Jahre alt, weit in der Welt herumgekommen und gegenwärtig als Korrespondent am Vatikan akkreditiert. Richard Biedrzynski, der das Stück in der „Stuttgarter Zeitung“ einer eingehenden Analyse unterzog, stellt fest, „daß dieses Schauspiel die Grenze zwischen Glauben und edelschlichter Rührung häufig überschreitet... die Papstwahl zu einem sentimentalen Theater macht“. Unter den kirchlichen Rollenträgern, die vom übermächtigen Zeremoniell bedrängt werden, stand in Stuttgart an erster Stelle Günter Lüders. Hervor traten ferner Hans Mahnke, Ludwig Anschütz, Hans-Herrmann Schaufuß, Heinz Baumann und Ulrich Matschoß. Mit der Inszenierung von Peter Palitzsch scheint der Autor nicht einverstanden gewesen zu sein. Er reiste brüsk vor der Premiere ab, erschien aber zwei Tage später bei der Erstaufführung in den Münchner Kammerspielen. Rudolf Goldschmit berichtet: „Hatte Palitzsch in Stuttgart ehrlich und ohne Mätzchen inszeniert und dadurch auch die Schwächen des Textes mitleidlos ins Licht gerückt, so war es das Verdienst August Everdings (in München), die Gelenke der dramatischen Konstruktion und das Übergewicht des Diskutierens und Debattierens einigermaßen verhüllt zu haben ...“ Jac