Von Walter Boehlich

Der Mensch ist ein nachahmendes Geschöpf

(Schiller)

Malcolm Cowley hat die Geschichte von den jungen Leuten erzählt, die die Paris Review gründeten, die aber nicht genug Geld hatten, berühmte Schriftsteller, deren Mitarbeit ihnen erwünscht war, zu honorieren, und auf den Gedanken kamen, an Stelle von teuren Original-Beiträgen billige Interviews in ihrer Zeitschrift zu veröffentlichen. Aus solchen gesammelten Interviews ist dann bei der Viking Press ein Buch gemacht worden: "Writers at Work", das 1960 auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Dieses Buch, oder doch zunächst Teile daraus, hat Horst Bienek kennengelernt und sich offensichtlich gedacht, was die gekonnt haben, könne er auch. Er war damals Angestellter des Hessischen Rundfunks und hat bei seinen Vorgesetzten ein offenes Ohr gefunden. Bald reiste er von Eckernförde bis Rom, von Schriftsteller zu Schriftsteller, ließ sein Bandgerät laufen, stellte seine Fragen und wartete auf Antworten. Er bekam sie. Wir alle haben sie bekommen. Die Rundfunkanstalten haben eine um die andere seine Werkstattgespräche ausgestrahlt, und ein Verleger war auch zur Stelle, ein Buch daraus zu machen und für Zeit und Ewigkeit schwarz auf weiß zu bewahren, was der eine oder andere doch lieber im Äther hätte verlorengehen sehen – Das Buch hat ein zusammenfassendes und auswertendes Vorwort. Sein amerikanisches Vorbild ebenfalls. Aber während Malcolm Cowley ganz unbeteiligt an den Interviews der Paris Review war und auf jeden Fall nicht sich selbst loben mußte, hat Bienek seine Einleitung selbst geschrieben und nicht gezögert, Verdienste, die der Kritik sonst verborgen geblieben wären, aufzuführen. Das Buch hat einen aus bibliographischen Hinweisen bestehenden Anhang. Sein amerikanisches Vorbild ebenfalls. Vor jedem Interview findet man eine kurze Einführung in Leben und Werk des befragten Autors. In dem amerikanischen Vorbild ebenfalls. Der amerikanische Band enthält sechzehn Interviews, der deutsche fünfzehn. Günter Graß hat der Veröffentlichung des seinen die Zustimmung verweigert. Er war gut beraten.

Die jungen, unorthodoxen Amerikaner haben sich jeweils einen oder zwei Interviewer gesucht, die die Werke des Interviewten möglichst genau kannten und die Fähigkeit besaßen, über läppische Allerweltsfragen hinaus bisweilen zum Kern dessen vorzudringen, was sie aufklären wollten. Bienek, wohl in der Meinung, daß der Starke am mächtigsten allein sei, hat alles auf die eigenen schmalen Schultern genommen und seinen Hörern und Lesern vorgegaukelt, er sei in den Werken von Sieburg und Kesten so gut zu Hause wie in denen von Lehmann und Marie Luise Kaschnitz, in denen von Frisch und Dürrenmatt so gut wie in denen von Johnson und Walser. Und so fort. Er war es nicht. Nur die Werke von Gerd Gaiser scheint er gründlicher studiert zu haben. Das sollte man wenigstens hervorheben.

Die schon erwähnten vorangestellten biographischen Abrisse zeigen eine so trostlos dürftige Kenntnis und eine so vollkommene Unfähigkeit, einen Satz oder einen Gedanken zu formulieren, daß wirklich nur Bienek selbst Bienek übertreffen kann: der Interviewer den Kurzbiographen. Während er findet, daß er über Dürrenmatt nicht viel zu sagen brauche (warum eigentlich nicht? Sind die andern denn so viel unbekannter?), und doch über kaum einen andern – quantitativ – so viel sagt, erklärt er uns in schönem Freimut, über Walser etwas zu sagen, stelle sich als ziemlich schwierig heraus. Der sei vom Detail besessen und entziehe sich deshalb einer knappen, bündigen Definition. Was, um alles in der Welt, hat das eine mit dem andern zu tun? Johnson ist ihm schlicht eine ungewöhnliche Erscheinung in der jungen deutschen Literatur, während Böll vor Jahren noch als vielversprechender junger Autor gegolten habe und heute eine der bedeutsamsten, wichtigsten literarischen Erscheinungen in Deutschland sei. Der Vordersatz verlangt, daß aus Böll nichts geworden ist, der Nachsatz, daß Böll in seinen Anfängen verkannt wurde. Zusammengestellt passen sie jedenfalls nicht zueinander. Koeppens Stimme, erfahren wir, brauche keinen Wald, um zu hallen. Akustik ist nicht Bieneks starke Seite.

Stilistik auch nicht, denn wie sonst fände er gerade bei Koeppen knappe, fliehende Sätze. Entweder sie sind knapp, dann können sie kaum fliehen, oder sie fliehen, dann sind sie nicht knapp. Koeppens Sätze sind nicht knapp. Man kann das nachzählen. Aber man erfährt von Bienek auch, daß Nossack Bücher von George Hanley, Harald Nicolson und Maxwell Anderson übersetzt habe, und wenn man sich auch damit abfinden möchte, daß der eine Gerald und der andere Harold heißt, wird man sich nie und nimmer damit abfinden mögen, daß "Winesburg, Ohio" nicht mehr von Sherwood Anderson geschrieben sein soll. Da ist man schon gar nicht mehr erstaunt, daß Heinrich und Annemarie Böll sich durch Übersetzungen aus dem Irischen hervortun.

So fahrig und schlampig geht es Seite um Seite her. Wer Sherwood Anderson und Maxwell Anderson nicht auseinanderhalten kann, für den sind Nîmes und Arles eben auch eins, und der bringt es mühelos fertig, in einem Zitat aus Frischs "Tagebuch", aus dem er doch nur abzuschreiben brauchte, in sechs Zeilen fünf Fehler unterzubringen. Überhaupt die Zitate. Manche Leute haben ein gutes Gedächtnis. Die können aus dem Kopf zitieren. Andere haben ein schlechtes Gedächtnis. Die müssen nachschlagen. Bienek müßte nachschlagen. Er tut’s um die Welt nicht. Aber dann sollte er nicht ausgerechnet für Brecht eine so große Vorliebe haben, den, wie die Dinge einmal liegen, mancher kennt und schätzt.

Bienek spricht mit Kesten über das Verhältnis des Schriftstellers zur Macht und fragt ihn dann, ob er der Meinung Brechts sei, der einmal gesagt habe: "Ich hoffe, die Mächtigen leben sicherer ohne mich." Nun kann ich nicht verstehen, warum Kesten der Meinung sein soll, daß Brecht gehofft habe, die Mächtigen lebten sicherer ohne ihn, Brecht. Das hat Bienek auch nicht gemeint. Aber Brecht wiederum hat nicht gemeint, daß er hoffe, die Mächtigen lebten sicherer ohne Kesten. Der Moralist Kesten antwortet schnell, er wollte, Brecht hätte nie Mächtigen gedient und geschmeichelt. Was wohl auf Ulbricht gehen soll. Aber Brechts Gedicht stammt aus dem Jahre 1938, und es heißt wahr und – ehrlich darin: "Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden / saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich."

Was Kesten recht ist, muß Lehmann billig sein. Ihn, wie noch manchen andern, fragt Bienek: Wie ist Ihr Verhältnis zu den Dichtungen Brechts? Brecht sagt einmal: "Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume beinah ein Verbrechen ist." Darauf Lehmann, ein Gespräch über Bäume hülfe vielmehr, den verlorengegangenen Menschen wiederzuholen. Die Welt würde unwirklich werden, wenn alle lesenswerten Gedichte brechtisch wären. Speise dagegen seien ihm die Gedichte von Kreuder, Nossack, Kessel, Greve. Es heißt aber bei Brecht: "Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! / Der dort ruhig über die Straße geht / Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde / Die in Not sind?" Diese wenigstens können durch kein Gespräch über Bäume wiedergeholt werden.

Zu oft haben sich so die Interviewten auf das Niveau ihres Interviewers herabbegeben. Was sollte Koeppen schon auf die Frage antworten: "Welches Land planen Sie künftig?", was Dürrenmatt auf die Frage: "Wie fühlen Sie sich so als Schriftsteller?", was Sieburg auf die Frage: "Was haben Sie denn so in Paris für Aufgaben gehabt?", was Kesten auf die Frage: "Haben Sie auch Freunde, die keine Poeten sind?", was Neumann auf die Frage, warum seine Generation so fruchtbar sei? Ein Narr, sagt das Sprichwort nicht ganz zu Unrecht, könne mehr fragen, als zehn Weise beantworten könnten.

Angeregt durch sein amerikanisches Vorbild, hat Bienek aber auch eine Reihe von Standardfragen, von denen er sich mancherlei Aufschluß für das alte Rätsel vom schöpferischen Prozeß verspricht: wann der einzelne schreibe, ob er ein Stimulans zum Schreiben brauche, ob er so etwas habe, was andere Schriftsteller Intuition nennen, wie er sein Thema finde, ob seine Figuren ein Eigenleben gewönnen, ob Film, Funk und Fernsehen ein Talent kaputtmachen könnten, ob er Lust oder Qual beim Schreiben verspüre, was er am liebsten schreibe und so fort. Diese Fragen, die, wie gesagt, die amerikanischen Interviewer erfunden haben, halte ich für völlig nutzlos. Auch wenn sie alle gewissenhaft beantwortet würden, beantwortet werden könnten, wäre man am Ende keinen Schritt weiter. Mit Statistik ist da nichts anzufangen. Was Schöpfung ist, kann man vielleicht in geduldiger und peinlicher Kleinarbeit am einzelnen Beispiel zeigen, wenn man über Entwürfe, Vorstudien, Bearbeitungen, verschiedene Fassungen, Briefe, Tagebücher, Quellen, Vorlagen und Vorbilder verfügt, aber nie und nimmer mit Hilfe solcher Pauschalfragen. Ein Interview taugt nicht dafür. Schon gar nicht eines, das von einem Interviewer geführt wird, der nun einmal die Fragen beantwortet sehen möchte, die er vorher eingeschickt hat, und der, wie Bienek, allzu oft gerade dann, wenn es knistert, abbricht, um sein Steckenpferd wieder besteigen zu können.

Indem man sich auf ein einziges Werk kapriziert, die übrigen außer acht läßt, das einzige aber nur oberflächlich mustert, kommt man keiner Schöpfung auf die Spur. Das Gespräch mit Dürrenmatt ist quälend, weil Bienek unermüdlich immer wieder auf "Frank V." zurückkommt, als läge da der Schlüssel. Bei Walser ist es die "Halbzeit". Bei Johnson "Das dritte Buch über Achim". Und trotzdem sind das noch Glücksfälle. Im Gespräch mit Böll tauchen ein paar vage Erinnerungen an "Billard um halbzehn" auf, sonst nur allgemeine Fragen, von Sieburg kennt er. wenigstens die Titel, bei Neumann und Kesten fragt er schlecht und recht, wie sie so gelebt hätten und was sie so getrieben hätten. Als könnte man das nicht ebensogut einem Literaturlexikon entnehmen. Nur seinen Gaiser kennt er.

Frisch, Dürrenmatt, Nossack, Koeppen – sie haben sich redliche Mühe gegeben, etwas Verständiges zu sagen, auch wenn man ihnen die Verzweiflung und den Ärger über Fragen und Fragesteller anmerkt. Andersch hat mit bemerkenswerter Schärfe reagiert und ist dem Interviewer einmal ums andere über den Mund gefahren; er war gereizt; er mußte sich verteidigen und ging im Unmut gleich so weit, zu behaupten, wer "Die Rote" um ihres Schlusses willen mit dem "Einfachen Leben" vergleiche, habe Wiecherts Buch wohl nie gelesen. Walser hat den Spieß umgedreht und Bienek wie einen Tanzbären hinter sich hergeführt. Da kommt der Leser bisweilen auf seine Kosten. Lehmann singt unbeirrbar das Hohelied der eigenen Naturlyrik, Sieburg das vom braven Mann. Das wäre schön, wenn es nicht Leser gäbe, die in den von Lehmann so hochgeschätzten Versen

Da kobolzt der Heuschreck mit jungem Schenkel,

Da schnalzt die Elritze in binsener Reuse,

Da rühren sich Söhne, Töchter, Enkel

nicht die letzte lyrische Vollkommenheit sehen, nicht Leser gäbe, die Sieburgs Pariser Rede von 1941 kennen. Und Kesten. Das ist unheimlich. Man muß es lesen.

Was dieses Sammelsurium aus Lebensgeschichte und Lebensgewohnheiten, Vulgärsoziologie und Vulgärpoetik mit der Werkstatt des Schriftstellers zu tun haben soll, ist unerfindlich. Nur Bienek hat es gefunden. Er sieht in seinem Buch fünfzig Jahre deutschsprachiger Literatur gegenwärtig und glaubt, in seinem Vorwort die Phasen eines schöpferischen Prozesses in groben Zügen nachgezeichnet zu haben, meint auch, sein Buch werde doch ein wenig dem Phänomen des Künstlers, dem schöpferischen Arbeitsprozeß, näherkommen.

"Immer", sagt er in seiner schönen Sprache, "ist es mir dabei darum gegangen, vor allem jene Sphäre abzutasten, die einem Autor die ,Erfindung‘ von Gestalten, von Ereignissen, von imaginären Welten erlaubt. Den Augenblick des Schöpferischen zu vergegenwärtigen, soweit das sagbar und deutbar ist." Der mutige Verlag geht noch einen Schritt weiter und erklärt, es seien auf diese Weise Diskurse, Berichte aus der Schriftstellerwerkstatt, eine neuartige Form von Literaturforschung entstanden. Ich glaube das nicht. Da ist mir die altartige Universitätsphilologie lieber.

Hätte Bienek nicht einen Verlag gefunden, seinen Verlag gehabt, brauchte man nicht viel Aufhebens zu machen. Im Rundfunk hört man wohl gern einmal die Stimme eines Schriftstellers, und dann ist es nicht so wichtig, wer da mit ihm worüber spricht. Daß nun aber die Verlage, nicht zufrieden damit, daß der Rundfunk sendet, was sie veröffentlicht haben, immer häufiger dazu übergehen, zu veröffentlichen, was der Rundfunk gesendet hat, ohne Ansehen seiner Qualität, allein des Erfolges wegen, das berechtigt zu großem Aufheben. Es zwingt dazu.