H. W., Flensburg

Er heißt Martin Fellenz und war Kaufmann in Schleswig. Als er 1944 seine zweite Frau, heiratete – von der ersten, einer Schauspielerin, hatte er sich inzwischen scheiden lassen –, trug er noch die SS-Uniform. „Sturmbannführer“ stand damals in seinen Papieren. 1945 kam er wieder nach Schleswig. Diesmal als Flüchtling. Und als Flüchtling begann er sein ziviles Leben in der alten Schleistadt. Er wurde Geschäftsführer in der Bäckerei seines Schwiegervaters. Er hatte mit der SS-Uniform auch seinen Nationalsozialismus abgelegt. Er war nur noch friedlicher Bürger einer friedlichen und friedliebenden Stadt, die danach trachtete, mit den Folgen des Krieges so schnell wie möglich und so gut wie möglich fertig zu werden.

Aber noch im gleichen Jahr wurde Martin Fellenz verhaftet und kam in ein Internierungslager. Zwei Jahre lang. Nicht etwa, weil ihm besondere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen wurden, sondern weil er einer „verbrecherischen Organisation“ angehört hatte. In diesem Stadium der deutschen Nachkriegsentwicklung teilte er das Schicksal vieler anderer, denen der gleiche Vorwurf gemacht wurde. 1947 wurde er entnazifiziert. Einstufung in die Gruppe vier. In den Erklärungen und Unterlagen, in seinen. Lebensläufen, die er einreichen mußte, stand wohl, daß er Mitglied der SS gewesen war. Nur über seinen Einsatz stand sehr wenig darin. Immerhin, er verbarg sich nicht. Er lebte unter seinem richtigen Namen in der Schleistadt, in der er dann ganz allmählich zu Amt und Würden kam.

Von seiner Vergangenheit sprach niemand mehr. Wer wußte auch schon, was der Kaufmann und inzwischen auch beliebte Bürger der Stadt früher gewesen war. SS-Mann? Nun, es waren viele in der SS gewesen. Und keiner sprach mehr davon.

Im Frühjahr 1954 wandte er sich der Politik zu. Er trat in die FDP ein. Nach den schleswig-holsteinischen Kommunalwahlen 1954 wurde er Ratsherr der Freien Demokraten. 1959 stellte man ihn wieder auf, und er wurde wieder gewählt. Er arbeitete in verschiedenen Ausschüssen der Schleswiger Ratsversammlung mit, und er war Kreischorleiter und Dirigent von drei Chören. Er pflegte und förderte die Patenschaftsarbeit zwischen Schleswig und Hayes and Harlington in England. Er tat vieles, was ihm in der kleinen Stadt am Ufer der Schlei einen Namen verschaffte. Zwar gab es einige in Schleswig, die ihn arrogant nannten und meinten, seine Qualitäten würden überschätzt. Aber das änderte nichts daran, daß er in dieser schleswig-holsteinischen Stadt ein angesehener Bürger war.

Bis zum 20. Juni 1960. An diesem Tage brach alles, was er sich aufgebaut hatte, brach seine ganze Existenz wie ein Kartenhaus zusammen. An diesem Tage griff die Vergangenheit nach ihm. An jenem Tage – und das war fast wie eine Ironie des Schicksals – kam er von einem Freundschaftsbesuch in Hayes and Harlington zurück. Mit einer Delegation Schleswiger Ratsherren war er nach England gefahren und hatte den Austausch von Chören vereinbart, und just als er von diesem Besuch, der im Zeichen der Völkerfreundschaft stand, wieder nach Schleswig zurückkehrte, wurde er verhaftet. Wegen dringenden Mordverdachts an 40 000 Juden.

Niemand in Schleswig hatte dies je für möglich gehalten; wohl nicht einmal er selber. Denn er hatte seine Vergangenheit weit, weit zurückgeschoben. Daß sie ihn noch einmal einholen würde, hatte er nicht geglaubt. Durch einen SS-Unterscharführer, der im Jahre 1942 zur Begleitung von Fellenz gehört hatte – er erhielt lebenslänglich Zuchthaus, weil er eigenhändig 56 Juden erschossen hatte –, war man auf Fellenz aufmerksam geworden.