Von Nina Grunenberg

Solingen

Die Zahnbürste des einunddreißigjährigen Wirtschaftsredakteurs vom Solinger Tageblatt, Leo Bermel, liegt bereit. Viel mehr will er nicht mitnehmen, wenn er zur Beugehaft ins Gefängnis gerufen wird. Gebeugt werden soll er, damit der Oberstadtdirektor von Solingen, Gerhard Berting, erfährt, wer dem Redakteur die Informationen liefert. Nur so vermeint der Verwaltungschef einem verdrießlichen Vorfall auf die Spur zu kommen, der sich am 4. September ereignete.

An diesem Tag versammelten sich im Sitzungszimmer Nummer 102 des Solinger Rathauses morgens um neun Uhr Vertreter der Landesregierung, des Regierungspräsidenten, Mitglieder des Stadtrates und der Stadtverwaltung und Abgesandte verschiedener Solinger Industrieverbände. Den Vorsitz führte Staatssekretär Hölscher vom Düsseldorfer Ministerium für Arbeit und Soziales. Vor Beginn der Sitzung fragte Hölscher: „Ist die Presse zugegen?‘ Sie war es nicht. Statt dessen hatte man das städtische Nachrichtenamt beauftragt, „mit der nötigen Diskretion“ eine Notiz über die Sitzung zu veröffentlichen. Nach diesen Vorbereitungen war man sicher, in aller Offenheit den Solinger „Fallhammer-Krieg“ erörtern zu können.

Die Prozesse zwischen den Hammerschmieden und ihren Wohnnachbarn beunruhigen Stadt und Regierung schon seit einiger Zeit. Die Anwohner fühlen sich durch die Fallhämmer belästigt, von denen die größten mit einem Gewicht von 600 bis 700 Kilo auf das Fundament donnern. Denn neuerdings werden nicht nur Bestecke, Taschenmesser und Scheren in Solingen gepreßt, sondern auch Pleuelstangen bis zu 1,5 Zentner Gewicht. Und das macht Lärm. Die Schmiede dagegen fürchten für die Zukunft. Ihre Betriebe, die früher im Grünen lagen, sind jetzt von Wohnsiedlungen umgeben. Und die Stadtverwaltung erteilt ihnen – um den Donner kleinzuhalten – keine Genehmigungen mehr für neue Fallhammeranlagen. Um etwas zu tun, wurde bei der Düsseldorfer Regierung ohne viel Aufhebens ein Ausschuß „Verlagerung von Gesenkschmieden“ gegründet. Am 4. September beriet man in Solingen zum erstenmal. Um 13.30 Uhr war die Tagung zu Ende. Die Herren eilten zum Mittagstisch.

Wie groß war ihr Erstaunen, als sie mit der Suppe auch die noch feuchte Ausgabe des Solinger Tageblatts serviert bekamen, wo sie auf Seite 3 lesen konnten, über was sie eben noch gesprochen hatten:. Von den 140 Solinger Gesenkschmieden sollten die zehn störendsten Betriebe in ein Industriegebiet verlagert werden. Die Unternehmer sollten für die Umsiedlung zinsverbilligte Kredite bekommen.

Und Leo Bermel, der Wirtschaftsredakteur, hielt nicht zurück mit seiner Kritik an diesem Projekt: „Wo ist in Solingen geeignetes Industriegelände vorhanden, und wer finanziert eine solche Umsiedlung sowie einen etwaigen Produktionsausfall während des ,Umzuges‘? Mit Darlehen und zinsverbilligten Krediten, mit denen die Regierung operieren möchte, ist ein so großer Treck nicht durchzuführen. Der neugebildete Sonderausschuß steht... auf schwachen Füßen. Schon an der Finanzierung dürfte das merkwürdige Projekt scheitern... So bleibt nur der beklemmende Eindruck, daß man hier eine Seifenblase gestartet und sich mit vielen Illusionen an ein Projekt herangewagt hat, das weder von der Regierung in Düsseldorf noch von der Stadt Solingen verkraftet werden kann.“