Von Johannes Jacobi

In diesem Monat wäre Gerhart Hauptmann hundert Jahre alt geworden. Zwar sagte er selber: „Meine Epoche beginnt mit 1870 und endet mit dem Reichstagsbrand.“ Der Ausspruch stammt aus dem Sommer 1934. Doch schrieb Hauptmann zwischen 1940. und 19 44 noch die Atriden-Tetralogie. Sie wurde als Geburtstagsexperiment nur von einem einzigen Theaterleiter neu zur Diskussion gestellt: von Erwin Piscator im Berliner Theater am Kurfürstendamm. (Tübingen spielt als Einzelstück die Iphigenie in Delphi.) Was außerdem an eigenem, goethefernem Erlebnis griechischer Mythologie in diesem Kolossalwerk steckt, dafür bot nur das Deutsche Theater in Göttingen ein Gegenstück. Heinz Hilpert, der drei Stücke Hauptmanns in seinem diesjährigen Spielplan hat. mochte sich mit seiner Inszenierung des Bogen des Odysseus ebenso umstritten sehen wie Piscator mit den Berliner Atriden – es waren doch Schritte vom Wege, die als Geburtstagsehrungen gelten durften, weil sie nicht unverbindlich, sondern voller Risiko waren.

Seit 1948 sind auf keiner deutschen Bühne folgende Hauptmann-Dramen gespielt worden: Gabriel Schillings Flucht, Indipohdi, Ulrich von Lichtenstein, Veland. Im Jubiläumsjahr 1962: ebenfalls Fehlanzeige. Blickt man in die Zeitschrift „Der Spielplan“, um zu erfahren, woraus in diesem Jubelmond November das deutsche Hauptmann-Repertoire besteht, dann ergeben sich weitere Fehlanzeigen. Wurden (nach Angaben von Hauptmanns Theaterverlag) seit 1948 im ganzen dreiunddreißig Stücke dieses Dichters neuinszeniert, zu seinem hundertsten Geburtstag sind es nur noch zwanzig.

Darunter befinden sich mehrere, die nur von einer einzigen Bühne wieder vorgestellt wurden – wie Die schwarze Maske (Krefeld/M. Gladbach) und Vor Sonnenuntergang (Köln). Auf je zwei Bühnen kamen heraus: Die Weber (Bochum und Saarbrücken), Einsame Menschen (Wiesbaden und Detmold), Michael Kramer (Deutsches Schauspielhaus in Hamburg, Lübeck), Winterballade (Augsburg, Trier), Elga (Göttingen, Oldenburg), Der rote Hahn (Münchner Kammerspiele, Saarbrücken) und Die Jungfern vom Bischofsberg (Baden-Baden, Hamburger Thalia-Theater). Von 75 Theatern hatten 23 an Hauptmanns Geburtstag überhaupt kein Stück von ihm parat. Einige behalfen sich mit anderweitigen „Gedenkfeiern“.

Die repräsentative „Jahrhundertfeier für Gerhart Hauptmann“ fand nicht in Berlin, wohin sie gehört hätte, sondern in Köln statt. Wie kommt eine so zufällige Wahl zustande? Die Anregung ging von Dr. Benvenuto Hauptmann aus, von demjenigen der Söhne also, der über das wichtige Archiv verfügt. Er hielt den scheidenden Kölner Generalintendanten Oscar Fritz Schuh für geeignet, eine Gerhart-Hauptmann-Woche der deutschen Bühnen nach dem Vorbild der Stuttgarter Schillerwoche von 1959 auf die Bretter zu stellen. Die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft erklärte sich einverstanden, und Köln nahm den Antrag an. Es fühlt sich als „Patenstadt“ Breslaus.

Ausschlaggebender als diese recht indirekte „Tradition“ dürfte die Nähe Bonns und Düsseldorfs gewesen sein. Bundes- und Landesregierung traten der Jahrhundertfeier als „Träger“ bei. Wer die Orte und die Personen kennt, an deren Freigebigkeit appelliert wurde, der wird sich nicht wundern, daß dieses bundesoffizielle Gedenken vielleicht splendid im Materiellen, im übrigen aber nur pflichtschuldig ausfiel. Übrigbleiben wird ein bißchen zusammengeredete und zusammengetragene Literatur.

Auf den pflichtschuldigsten Teil, der auch noch schlecht organisiert war, sah sich das breite Publikum beschränkt. Vor ihm hätte bei dieser Gelegenheit Hauptmann, der unbekannte Dramatiker, sichtbar gemacht werden müssen. Doch hatte von den repräsentablen Bühnen, die nach Köln einzuladen gewesen wären, kaum eine etwas anderes als den theatergängigen, den naturalistischen Hauptmann, vom späten allenfalls ein Rollenstück für Ernst Deutsch (Vor Sonnenuntergang) im Jubiläumsrepertoire. Womit sich der circulus vitiosus schloß, die eigentliche Geburtstagsgabe von Anfang an draußen blieb.