Von Johannes Jacobi

Die Schweizer Basilius Presse hatte eine Buchreihe „Theater unserer Zeit“ mit einem Band über „Das Ärgernis Brecht“ begonnen. Er hielt, was für die ganze Serie, die von Willy Jäggi und Hans Oesch herausgegeben wird, versprochen wurde: „Kritische Beiträge zu aktuellen Theaterfragen“. Material zu einem nicht minder umstrittenen Thema sollte der zweite Band beibringen – Wie weit das Pendel der Kritik ausschwingen sollte, das zeigen zwei am Ende abgedruckte Rezensionen. Die eine „Wer schützt Wagner in Bayreuth?“ stammt von Walter Abendroth und ist den Lesern der ZEIT bekannt. Am Beispiel der „Meistersinger“-Inszenierung Wieland Wagners wies Abendroth nach, daß Symbolisierung von Symbolen „Hokuspokus“ sei. Die andere Kritik stand in der Zürcher Tat Peter Otto Schneider behandelt darin die Aufführungen des Sommers 1961 unter der Überschrift „Die Katastrophe von Bayreuth“.

Daß dem Herausgeber ursprünglich daran gelegen war, am „Fall Bayreuth“ das Problem der modernen Operninszenierung aufzurollen, darauf deutet nur noch der substanzreichste Eigenbeitrag des Sammelbandes hin: „Adolphe Appia und Bayreuth“. Der Schweizer Szeniker, der neben dem im Alter von neunzig Jahren noch lebenden Engländer Edvard Gordon Craig die Grundlagen für das moderne Bühnenbild geschaffen hat, wurde vor genau hundert Jahren in Genf geboren und starb 1928. Einen Vorgeschmack auf die 1963 zu erwartende Gesamtausgabe der Werke Appias gibt uns Edmund Stadler mit dieser lesenswerten, weil wissenschaftlich soliden, durch viele Zitate belegten Studie.

Stadler ist Direktor der Schweizerischen Theatersammlung in Bern. Derzeit kann man dort eine von ihm aufgebaute Appia-Jahrhundertausstellung besichtigen.

Stadlers eigene Stellung zum Bayreuth der Wagner-Enkel ist zwei Sätzen zu entnehmen: „Hatte Friedelind Wagner schon inoffiziell auf die Zusammenhänge des neuen Bayreuther Stils mit den bahnbrechenden Ideen Adolphe Appias hingewiesen, so bekannten sich Wieland und Wolfgang Wagner offiziell zu ihrem Leitbild... Nach mehr als sechzig Jahren wurde endlich Adolphe Appias Wunschtraum erfüllt, an der Inszenierung der Werke Richard Wagners teilzunehmen.“

Zu Appias Lebzeiten hatte der Bannfluch Cosima und Siegfried Wagners auf den Inszenierungsideen dieses Bühnenrevolutionärs aus der Schweiz gelegen. Daß einige von Appias Grundgedanken jedoch bereits durch die szenische Wagner-Reform von Emil Preetorius und Heinz Tietjen seit 1931 auch in Bayreuth verwirklicht wurden, das hätte Stadler nicht übersehen sollen.

Pech hatte der Herausgeber Hans Oesch mit zwei Theaterpraktikern, die eine historisch-kritische Würdigung der Bayreuther Festspiele schreiben sollten. Der Regisseur Heinrich Altmann nimmt sich den „Ring des Nibelungen“ seit 1951 vor, der ehemalige (Darmstädter) Intendant Siegmund Skraup die Bayreuther Jahre 1924 bis 1944.