Der Kampf der Wirtschaft um jene Jungen und Mädchen, die Ostern 1963 von der Schule abgehen und eine Lehre antreten werden, hat längst begonnen. Unverhohlen werfen die Betriebe, denen es um Nachwuchs und billige Arbeitskräfte geht, in den Schulen und in Zeitungsinseraten ihre Köder aus: Da werden Sozialleistungen, Sondereinkünfte und höhere Bezüge versprochen, Betriebsküche, Fahrgeldzuschuß, längerer Urlaub – und alles das, weil es nicht für alle Wirtschaftszweige genügend Lehrlinge geben wird.

Angesichts dieses Mangels überrascht es, daß es einen Wirtschaftszweig gibt, der sich vor Angeboten kaum zu retten vermag: die Banken und Versicherungen. Ihre Lockmittel sind die stärksten: 13 bis 14 Monatsgehälter im Jahr (130 Mark im ersten, 150 Mark im zweiten und 170 Mark im; dritten Lehrjahr).

Warum auch, so wird man fragen, soll ein tüchtiger junger Mann nicht über entsprechende Mittel verfügen? Gerade im Bankfach tun manche vermögende junge Leute ihre ersten Berufsschritte, für die das Gehalt ohnedies eine geringere Rolle spielt als das monatliche Salär aus dem Elternhaus. Das veranlaßt jedoch viele andere, es ihnen gleichtun zu wollen, obwohl dafür die Voraussetzungen fehlen. Oft werden sie von ihren Eltern oder ferneren Angehörigen unterstützt, die ängstlich bemüht sind, „ihren Lehrling“ ebenfalls wie einen Generaldirektorssohn auszustatten. Er oder sie verfügen dann im blühenden Alter von 19 Lenzen über 170 Mark reines Taschengeld, besitzen also so viel Geld für ihre persönlichen Ansprüche, wie es ihnen später im Berufsleben kaum zuteil wird. Das sieht dann – hier die Extremfälle aus einer Umfrage – so aus:

  • Ein junger Mann im ersten Bankfachlehrjahr, dessen verwitwete Mutter Chefbuchhalterin ist, trinkt zum Mitagessen in der Kantine seines Betriebes stets Pils mit Sekt – die anderen sollen sehen, was er kann.
  • Ein junger Mann, der seit neun Monaten bei einer Versicherungsfirma lernt und dessen Vater eine kleine Buchhandlung betreibt, erhält den Besuch einer feschen Cousine. Dafür muß umgehend ein Wagen gemietet werden, und 300 Mark reichen nicht aus, um die junge Dame zwei Abende standesgemäß auszuführen.
  • Der Sohn eines Einzelhändlers, im zweiten? Lehrjahr in einem privaten Geldinstitut, benötigt sein Lehrlingsgehalt ausschließlich für teure Schallplatten. „Immerhin ist ein Wert im Hause, und er wirft es nicht weg“, sagt sein Vater.
  • Der Sohn einer ebenfalls verwitweten Chefsekretärin, kaufte sich kürzlich – im dritten Lehrjahr – einen Wagen, den seine Mutter mit abzahlen hilft und für den sie „geradestehen“ muß.
  • Eine sehr elegante junge Dame, Tochter eines; mittleren Beamten, Lehrling im zweiten Jahr an einer Privatbank, trägt ausschließlich teuerste Modeartikel. „Das ginge bei uns gar nicht anders“, erläutert sie entschuldigend.

Keiner dieser fünf jungen Leute aus Familien mit mittlerem Einkommen steuert auch nur einen Pfennig zu Hause bei, obwohl die Eltern rechnen müssen. Man geniert sich, daß die Kinder „draußen“ erzählen könnten, sie müßten daheim etwas abgeben. Darüber, daß das Leben der jungen Leute von Monat zu Monat kostspieliger wird, sind eines Tages die Eltern als erste entsetzt. Sohn oder Tochter gelten dann plötzlich als mißraten.

An die Feststellung des Arbeitgeberverbandes, daß die Angestellten des privaten Bankgewerbes mit ihren Jahresbezügen jetzt schon an der Spitze sämtlicher Angestellten liegen, schließt sich gewiß die Forderung an, die Lehrlinge dieses Gewerbes entsprechend hoch zu bezahlen. Wenn es zu jenen genannten schlechten Beispielen kommt, die ja dem Sprichwort nach ganz allgemein die Sitten verderben, ist es ohnehin zu spät. Denn die Erziehung setzt früher, ein als in jenem Alter, da dem Sohn nach Sekt gelüstet. R. W.