DARMSTADT (Landestheater):

„Über den Gartenzaun“ / „Vor der Klagemauer“ von Konrad Wünsche

Ein neuer Bühnenautor? Konrad Wünsche, geboren 1928 in Zwickau, „um sprachliche Formulierungen bemüht“, nennt als Anreger Nelly Sachs und Else Lasker-Schüler. Er schreibt lyrisch. Er fand schnell einen Verlag, der „neues deutsches Theater“ aufbauen will (Suhrkamp), und einen Intendanten, Gerhard F. Hering der sich und den Autor gegen zu erwartende Verrisse absicherte durch einen Trumpf in der Hinterhand: Ein abendfüllendes Stück von Wünsche, „Der Unbelehrbare sei für das nächste Jahr schon angenommen. Also wird man die beiden Einakter, die in Darmstadt uraufgeführt wurden, nur als Visitenkarte ansehen dürfen. – Wenn irgendwo, dann war Wünsche in Darmstadt am rechten Ort. Setzt Hering eine Sellner-Tradition, das „poetische Theater“, fort? – Ja und nein. Sogar ein Stück mit dem antidramatischen Titel Sprichwörterabend“ (Schehadé) wirkte spannend, verglichen mit Wunsches Stimmen und Stimmungen, die keine Fabel hergeben, keine Situationen konkretisieren, keine Sprachbilder erzeugen, aus denen sich ein Spannungsbogen wölben ließe. Alles soll nur „Geflecht“ sein; eine Inhaltsskizze wäre demnach werkwidrig. Doch die Bühne steht auf gegen Wortstationen, die sich selbst genug sind. Es entsteht kein Theater, sondern gähnende Leere zwischen Einzelheiten, die aufhorchen lassen, aber dann aufhören. Hans Bauer, der Giraudoux- und Lorca-Regisseur, versuchte, mit „Bühne“ zu stützen, wo doch kein Theater in der Substanz steckt. Die Darmstädter Schauspieler fesselten jeweils eine Weile wie höchst perfekte Spezialisten. Doch schienen sie ein Stück zu spielen, das nicht im Buche steht. Ob die abstrahierende Szenik von Hubert Aratym für Konrad Wünsche das Wünschbare bedeutete? Warten wir ab.

BERLIN (Schillertheater):

„Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann

Über die Geburtstagsgabe des Schillertheaters schrieb Walther Karsch im Tagesspiegel: „An Hauptmann glatt vorbeigespielt.“ Der Kritiker erinnert an Willi Schmidts Inszenierung desselben Stücks 1946 im Schloßparktheater, die richtig gewesen sei, während die neue von Boleslaw Barlog „leider falsch ist, in der Grundlinie und in den Details“. Barlog habe aus den ersten drei Akten der „Berliner Tragikomödie“ ein Lustspiel gemacht. Erst „die beiden letzten Akte machen manches wieder gut. Charlotte Joeres (Frau John) wird da leise, verkriecht sich, gibt keine falschen Ausbrüche mehr... hat den halben Wahnsinn. Wäre hier Carl Raddatz (John) bohrender, stumpf und stur gewesen, und hätte hier Barlog vor allen Dingen Martin Hirthe (Hassenreuther) nicht immer wieder zu Mätzchen angehalten, dann wäre vielleicht am Ende noch die Tragödie der Mutter John gespielt worden“.

DÜSSELDORF (Schauspielhaus):