Von A. Metzner

Im Vorgelände Venedigs liegt das Landstädtchen Vicenza. Während der Lärm der Touristen die "Serenissima" erfüllt, träumt Vicenza heute still dahin. Nur die alten Kirchen und Paläste sind stumme Zeugen des einstigen Glanzes. Vor der Stadt, eine "miglie" entfernt, wie Jakob Burckhardt in seinem Cicerone noch schreibt, glüht im Dämmerschein des Santuario der Mönche vom Monte Berico Veroneses Kolossalgemälde des Gastmahles des heiligen Gregor.

Die Villa rotonda steht feierlich inmitten ihres geometrischen Gartens, und die Tiepolo-Fresken in der Villa Valmarana beglücken mit ihrer Heiterkeit und Grazie die seltenen Gäste, die der Graf in seine Wohnung treten läßt.

Einst, als Venedig noch das Tor zum Orient war, die türkische Bedrohung aber schon heranrückte, wurden in diesem heute so verschlafenen Städtchen neue und kühne Ideen verwirklicht. Hier entstand das erste moderne Theater, und – was besonders verblüfft – es entstand aus olympischer Begeisterung heraus, wie sein Name noch verrät. Freilich äußerte sich dieser Enthusiasmus für die alten olympischen Spiele in einer von den Musen so ergriffenen Zeit anders als heute, wo Wissenschaft und Technik das Kommando führen.

Im Jahre 1555 gründeten einige Edelleute, Bürger und Künstler Vicenzas die Academia olimpica. Ihr Wappen war ein Stadion, ihr Zweck aber eher ein literarischer, und so beschloß man, ein "antikes" Theater zu errichten, in dem man die alten griechischen Tragödien wieder aufführen wollte. Da unter den Gründern offenbar die Weltkinder und nicht die Träumer vorherrschten, bestimmte man, daß jedes Mitglied, das 60 Dukaten stifte, als Standbild im Theater der Nachwelt erhalten bleiben würde. Man sollte nun meinen, daß die Goldstücke bereitwillig aus den bunten Lederbeuteln gesprungen wären. Aber erst am 23. Mai 1580 begann der größte Architekt der Zeit, Palladio, ein Sohn der Stadt, den Bau. Vollenden konnte er ihn nicht mehr; schon drei Monate später nahm ihm der Tod den Zirkel aus der Hand. Aber sein Plan war fertig, und der Nachfolger Scamozzi, ein trockener Geist, konnte nichts mehr verderben.

Was entstand, war einmalig. Ein zauberhaftes Gemisch von Logik und Poesie. Die Klarheit der Renaissance-Konstruktion wird eingehüllt von der überströmenden Schmuckfreude des Manierismus. Antike Linienschönheit verschmilzt mit frühbarockem Illusionismus. Die Magie der "Guckkastenbühne", auf der Grenze von Künstlichem und Realem angesiedelt, wird hier zum ersten Male spürbar.

Noch gibt es keinen Vorhang, sondern eine Szenenwand, wie sie das antike Theater kannte und wie sie uns in Orange in der Provence und in Sabratha bei Tripolis an der Mittelmeerküste noch in ganzer Schönheit erhalten oder wiedererstanden ist. Die "Seena" ist mit Nischen und Statuen übersät. In den Reliefs werden die Taten des Herkules dargestellt, denn Herakles, war ja der Begründer der Olympischen Spiele. Durch ein hohes Portal und zwei Seitentore blickt man in die Bühne, wo das antike Theben in einem malerischen Szenarium als Dauerkulisse aufgebaut ist. Indirektes Licht läßt die Scheinarchitektur vollkommen werden.