DIE ZEIT

Verpaßte Gelegenheit

Die neue Regierungszeit der alten Koalition fängt gut an: ein Minister der CDU, Paul Lücke, erklärte am Vorabend der „Eheschließung“, die FDP sei nicht regierungsfähig; der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses Wilhelm Kopf und der Abgeordnete Max Güde, einst Generalbundesanwalt, stellten beide öffentlich fest, die große Koalition mit der SPD wäre ihnen wesentlich lieber gewesen als die kleine mit der FDP – eine Meinung, die sehr viele Leute teilen; und gegen den CSU-Abgeordneten von Guttenberg schließlich hat die bayerische CSU ein Parteiverfahren eingeleitet, weil er im Auftrag Adenauers, aber ohne Wissen von Strauß, mit der SPD Unterhaltungen geführt hat.

Der kalte Frieden

Kein Zweifel: während der Kuba-Krise war die Welt der schlimmsten aller Katastrophen so nahe wie nie zuvor seit 1945. Zweifelhaft indes ist, ob diese Krise tatsächlich jenen tiefgreifenden und folgenschweren Einschnitt in die politische Nachkriegsentwicklung bedeutet, als den man sie letzthin mancherorts hingestellt hat.

Adenauers fünftes Kabinett

Noch einmal wallten in der Endphase der Bonner Koalitionsverhandlungen die politischen Leidenschaften auf. Aber es waren nicht die Gegensätze zwischen der Union und der FDP, die diesen Verhandlungsabschnitt so sehr verschärften.

Zeitspiegel

Im Sultanat Brunei, dem britischen Schutzstaat auf Borneo, und in Teilen der benachbarten Kronkolonien Sarawak und Nordborneo ist ein blutiger Aufstand ausgebrochen.

Kennedys Flügelmänner

Durch eine Reihe amerikanischer Zeitungen ging dieser Tage eine Karikatur. John Kennedy trägt auf der Schulter Adlai Stevenson aus dem Wasser.

Indiens neue Generation

Der neue indische Verteidigungsminister, Yashwantrao Balwantrao Chavan, ist in vieler Beziehung das genaue Gegenteil seines Vorgängers Krishna Menon.

Die verschobene Raketenlücke

Es ist noch keine drei Jahre her, da versetzte dies eine Wort den Westen in Schrecken: Raketenlücke. Für das Jahr 1961 sagte Eisenhowers Verteidigungsminister McElroy eine 3:1-Überlegenheit der Sowjets auf dem Felde der Interkontinentalraketen voraus; für 1962 rechneten die Fachleute mit einem Kräfteverhältnis von 350 – 400 russischen gegenüber 180 amerikanischen Langstreckenraketen; für 1963 mit einer Raketenrelation von 500 zu 250.

Makler im Jemen

Gerade zur rechten Zeit hat sich Präsident Kennedy in den Konflikt um den Jemen eingeschaltet Kaum war eine jemenitischeRegierungsdelegation aus Moskau zurückgekehrt, wo sie mit Verteidigungsminister Malinowski über Waffenlieferungen verhandelt hatte, kaum war in den Bergen im Norden des Landes der Winter eingezogen, der die Republikaner und Royalisten in ihren Aktionen hemmt, da legte Washington den streitenden Parteien einen Vermittlungsplan vor.

Wahl ohne Gewählten

Präses Kurt Scharf, Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland, wartete zu Hause, während die außerordentliche Synode der evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg darüber beriet, ob sie ihn zum Landesbischof wählen sollte oder nicht.

Wer sitzt am Nato-Steuer?

Was auch an Problematischem auf der Tagesordnung des NATO-Ministerrats stehen mag, der diese Woche in Paris berät, ein Punkt überschattet alles andere: die Beziehungen zwischen Amerika und Europa.

„Ich weiß effektiv nichts“

Der Zeuge war 53 Jahre alt. Während des Krieges war er Adjutant des Generalgouverneurs Hans Franck in Krakau gewesen. Jetzt arbeitet er irgendwo als kaufmännischer Angestellter.

Alterssitz für Ehard

Das Problem des politischen Funktionärs, den die eigene Partei aus rein sachlichen Motiven – beispielsweise aus Altersgründen – von seinem bisherigen Posten ablöst, und der daraufhin hartnäckig nach einem anderen standesgemäßen öffentlichen Amt trachtet, wurde jetzt auf einigermaßen überraschende Weise in Bayern akut.

Späte Einsicht in Bremen

Gut fünfzig Stunden nach dem Tod des Tierpflegers Erwin Gerwien vom Bremer Überseemuseum holten die zuständigen Behörden das nach, was sie jahrelang versäumt hatten: Sie legten im Institut ein kleines Depot von Seren an, die gegen Gifte aller im Terrarium gehaltenen Schlangen schützen.

Die Maschine nach Tokio

In einem der Regale klirrte etwas. Herr Lehfeldt schob eine Dose, die zu dicht neben einer anderen gestanden hatte, weiter nach rechts und sagte: "Die war es vorhin auch schon; etwas klirrt immer zuerst, aber meist ist es etwas anderes.

Liberman geht um

Auch in Ostberlin regt sich die Kritik an der Planwirtschaft – 18 100 Formblätter für 2036 Planziffern

„Ehemalige“

Oberstudiendirektor Gehrmann aus Leer in Ostfriesland muß jetzt am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, Außenseiter der Gesellschaft zu sein.

Aus dem Sand quillt Gold

In Es Sider, einem Platz an der Großen Syrthe, der auf den Landkarten noch nicht verzeichnet ist, erlebte ich ein Fest von großer Bedeutung für das Vereinigte Königreich Libyen.

Liebe zu Deutschland ...

Der Gast des libyschen Staates wird in den Königspalast geführt und in die Residenz des Kronprinzen, er steigt Marmorstufen hinauf und benutzt Lifts mit der arabischen Aufschrift „Nur für höhere Beamte“.

Die Lüge in unserem Leben

Während der letzten Wochen hat uns die Rolle der Lüge in unserem Leben, vor allem im politischen Leben, immer wieder beschäftigt.

Zeitfragen: Wie beurteilt man Bühnenbilder?

In Augsburg tönt die Moraltrompete. Ein Studienrat hat brieflich Vorwürfe gegen Bühnenbilder erhoben, die Hans-Ulrich Schmückle für die Inszenierung der Oper „Figaros Hochzeit“ (Städtische Bühnen) hergestellt hat: gegen Schäferszenen, die man galant nennt.

Bauwerke kritisch betrachtet (7): Aus nichts wird manchmal was

werden 1200 Kinder unterrichtet. Das Grundstück soll also 30 000 Quadratmeter groß sein. Es ist aber nur halb so groß. Es werden bei uns Normen aufgestellt – sehr wahrscheinlich gut begründete Normen –, und noch nicht einmal die Behörden halten sich daran.

Der Pädagoge von Klopau

Friedrich Nietzsche: „Daß es Bücher gibt, so wertvolle und königliche, daß ganze Gelehrtengeschlechter gut verwendet sind, wenn durch ihre Mühe diese Bücher rein erhalten und verständlich erhalten werden und diesen Glauben immer wieder zu befestigen, ist die Philologie da.

Erzählungen von Alexander Kluge

Hitze stand seit zwei Wochen über Venedig. Einige der Alten wimmerten und lagen in der Nähe der Haustür herum, der größere Teil hatte im Keller Schutz gesucht.

Wolfgang Ebert:: Frauen gehen stiften

Was ist mit unseren Ehen los? Und mit unseren Frauen? Das frage ich mich, seit ich fortwährend von Ehen höre, die nur noch auf wackeligen Beinen stehen, wenn sie nicht gar schon umgekippt sind.

Kleiner Kunstkalender

Die Hamburger Ausstellung ist aus der großen Londoner im letzten Herbst hervorgegangen, ein Extrakt und Konzentrat. Keine Zeichnungen und Aquarelle, keine Druckgraphik, nur Malerei, 76 Bilder, die knappe Hälfte der in der Tate Gallery versammelt gewesenen Gemälde.

Zeitmosaik

In der Bonner Beethovenhalle teilte Bundesinnenminister Höcherl 1,9 Millionen Mark als zweite Jahresrate (1,85 Millionen im Juni waren die erste) der staatlichen Film- und Drehbuchprämien aus, mit denen dem notleidenden deutschen Film aus der Finanzmisere geholfen werden soll, je 200 000 Mark erhielten die Spielfilme „Die Rote“, „Finden Sie, daß Constanze sich richtig verhält?“ und „Tunnel 28“ sowie die Drehbücher „Das Lamm“ (von Frank Leberecht), „Der fliegende Teppich“ (von Gregor von Rezzori), „Der Patriot“ (von Robert A.

Film

„Gestohlenes Leben“ (UdSSR; Verleih: Pegasus): „Schinkel“ („Der Mantel“) heißt der Film auf russisch, getreu der berühmten Novelle von Gogol, die hier nacherzählt wird.

Musik ist auch ein Schaugeschäft

Man muß es halt ein bißchen interessanter machen, ein bißchen abwechslungsreicher, farbiger, schillernder. Man muß ein bißchen packender verpacken, um eine Sache "verkaufen" zu können.

Theater

„Berlin gerät in wienerisches Fahrwasser: Theaterchen füllen wagemutig auf, was der große offizielle Spielplan an Wagemut versäumen könnte.

Funk

Mittelwelle und Drittes Programm des NDR brachten ein Hörspiel, das Heinz v. Cramer nach dem Roman „Il grande Ritratto“ des Italieners Dino Buzzati geschrieben und selbst inszeniert hat.

Fernsehen: Nicht für die „Telethek“

Das Hauptmann-Jahr ist, für die Bühnen und für die Fernsehanstalten, so ziemlich zu Ende gegangen. Auf der Bildröhre nahm man Abschied von Hauptmann mit der Düsseldorfer „Vor-Sonnenuntergang“-lnszenierung, worüber nicht viel zu sagen ist, da über Regie (Stroux) und Hauptdarsteller (Ernst Deutsch) ja schon genug geurteilt worden ist.

Die abtrünnige Tochter

Eine der skandalösesten Begebenheiten der an solchen gewiß nicht armen neueren europäischen Geschichte war im siebzehnten Jahrhundert der Thronverzicht der Königin von Schweden nach zehnjähriger Regierungszeit und ihr Übertritt zur katholischen Kirche.

Ein neuer Name: Alexander Kluge

Nein, das darf nicht schweigend hingenommen werden. Hier ist Einspruch notwendig. Denn es geht letztlich nicht um ein Buch und um zwei Rezensionen, nicht um einen Einzelfall also, sondern um eine grundsätzliche Frage unseres literarischen Lebens – um ein Übel, dem gesteuert werden kann und muß.

Direkter Draht zum Vatikan

Es handelt sich um den Text eines Bühnenstücks, das in Stuttgart, München und anderswo nicht ohne Erfolg gespielt wird. Ich habe mir das Stück in den Münchner Kammerspielen angesehen; und ich kam zu dem Schluß, daß ich dem Autor (den ich seit sechzehn Jahren kenne) geraten hätte, das Stück nicht zu schreiben.

Zum Fremdling ernannt

Peter Weiss wurde 1916 geboren. Die Jugend lebte er in Bremen und Berlin; 1934 ging er nach England, dann in die Tschechoslowakei, nach Prag.

Hamburger High Society

Nach dem guten Unterhaltungsroman, dem Mittelwert zwischen den avantgardistisch ambitiösen Ungereimtheiten und dem legendären Groschenroman (er kostet heute mehr!), wird in diesem Lande immer wieder gern gefragt, gejammert, mit und ohne Preisausschreiben gesucht.

Zu empfehlen

ES ENTHÄLT über dreißig Beiträge aus dem neuen Gebiet der Entwicklungssoziologie, die der deutsche Herausgeber mit viel Geschick in ein System gebracht hat: Die psychologischsoziologischen Grundlagen der Entwicklungsdynamik (Neuerertum, Industrialisierung, Verstädterung) haben auch außerökonomische Folgen, die zu kontrastreichen Beziehungen zwischen Gesellschaftsstruktur und „sozialem Wandel“ führen.

Insel der blauen Delphine

Im Sommer 1853 stand ein Mädchen in einem Rock aus grünen Kormoranfedern am Ufer der Insel der blauen Delphine, die von den Amerikanern San Nicolas genannt wird und südwestlich von Los Angeles liegt.

Kinder des Jahrhunderts

Das ganze Geschäft hat einen sowohl verschwörerischen wie auch schizophrenen Charakter: Da setzen sich Erwachsene hin, denken sich Geschichten aus, malen Bilder dazu, andere Erwachsene ergreifen ihrerseits das fertige Produkt, finden es gut (oder schlecht), verschenken es (oder nicht), und all das findet statt unter dem Motto: Fürs liebe Kind.

Literatur im Mittelalter

Deutsche Literatur des Mittelalters gehörte bis zum Ersten Weltkrieg in den Bestand romantisch national bürgerlicher Bildung, zu Kaiser und Reich.

Ein Staat aus Watte

Alle Namen, Personen und Vorgänge in diesem Buch sind frei erfunden. Irgendeine Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre rein zufällig.

Das Boulevardtheater ist nicht tot

Das Boulevardtheater ist das Stiefkind der subventionierten Kultur. Je mehr die Theater ihr Geld nicht beim Publikum verdienen, sondern bei dem jeweils spendefreudigen Minister oder Kulturstadtrat, desto eher sind sie bereit, den Publikumskontakt einer kulturellen Fassade zu opfern, deren Respektabilität jedem Kulturfunktionär einleuchten muß, auch wenn er vielleicht von dem, was dabei gespielt wird, nur mehr Wenig versteht.

ZEIT-Berichte aus der Medizin

Eine Photographie, die drei dunkle, etwas verschwommene Linien zeigt, hat die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler am medizinischen Institut der Universität Michigan erregt.

Wer kauft schon die Katze im Sack?

Der bundesdeutsche Bürger gibt jährlich 150 DM für Zigaretten aus, 60 DM für Auslandsreisen, etwa die Hälfte für Kosmetik und 19 DM für Toto und Lotto.

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