Von Karl Rahner

Es ist kein Vergnügen, einen Leitartikel zu Weihnachten zu schreiben. Mit dem Lesen wird es ähnlich sein.

Es ist jedes Jahr dasselbe: etwas "Stimmung", einige fromme und humanitäre Phrasen, ein paar aufwendige Geschenke (mit der Mühe, sich nachher dafür zu bedanken). Und dann geht alles weiter, wie bisher. Wenn man ein Christ ist, hat man erst recht die Pflicht, sich über diesen Weihnachtszauber nichts vorzumachen. Denn ein Christ darf nicht ein Mensch sein, der mit frommen Sprüchen die erbärmliche Wirklichkeit des Menschenlebens zudeckt. Bei Gott nicht. Denn er hängt ja als Zeichen seines Glaubens ein Kreuz, einen Galgen, an dem ein Mensch angenagelt stirbt, an die Wände, die sein Dasein beengen. Und also kann für ihn Weihnachten auch nur den Anfang des Lebens bedeuten, das in dieser Welt an diesem Kreuz endet (oder im Tod, oder in der leeren Bitterkeit der totalen Enttäuschung – es kommt alles aufs selbe hinaus).

Nach Weihnachten, das muß vor Weihnachten gesagt werden, geht alles weiter, wie bisher. Wir machen weiter wie bisher. Wir bringen es dabei herrlich weit. Bis zum Mond oder noch weiter. Und endlich bis zum Tod (aber davon redet man als anständiger Mensch des Ostens oder des Westens am besten nicht, weil es sich nicht schickt, oder höchstens dann, wenn man daraus einen existenzialistischen Rummel macht, mit dem man Geld verdienen kann).

Soll man sich also ingrimmig in diesen Tagen verkriechen oder gefaßt "Weihnachten" mitmachen, weil es immer noch am besten und anständigsten ist, sich nicht merken zu lassen, wie es einem inwendig zumute ist? Nun, man könnte außer diesem und jenem noch etwas anderes tun, nämlich bedenken, was Weihnachten eigentlich sagt, wenn man es christlich versteht. Eine Antwort auf diese Frage könnte auch den Nichtchristen interessieren. Man könnte sich fragen, ob nicht eben doch ganz inwendig in einem (ob man amtlich Christ ist oder nicht) der unwahrscheinliche Mut sitzt, an Weihnachten zu glauben, an das wahre Weihnachten, und zwar ob man es zugibt, oder ob man meint, es nicht glauben zu können.

Weil Gott Weihnachten gemacht hat, ohne uns zu fragen, ist es nämlich möglich, daß wir mehr glauben, als wir zugeben, mehr als wir in unseren theoretischen Ansichten über uns und unser Leben wissen. Wieso das? Wir sind immer die, die "über sich" sind (welche Last und welche Würde!), die Freien, die Selbstverantwortlichen, die Hoffenden. Wir sind damit immer schon über das Angebbare und Bestimmte hinaus. Wir leben das Greifbare vom Unbegreiflichen her. Wir gründen im Abgrund des Namenlosen und Unsagbaren. Wir können ihm gegenüber uns gewiß tot stellen, sagen, daß wir damit nichts anfangen können, wir können versuchen, uns an das Alltägliche und Überschaubare zu halten, das Beleuchtete mustern und uns versagen, uns dem ungreifbaren Lichte zuzuwenden, das alles Beleuchtete für uns erst sehbar macht. Aber das Geheimnis durchwaltet eben doch unser Dasein und zwingt uns immer wieder, ihm entgegenzublicken: in der Freude, die keinen Gegenstand mehr kennt, in der Angst, die die Selbstverständlichkeit unseres Daseins auflöst, in der Liebe, die sich als unbedingt und ewig gültig weiß, in der Frage, die über ihre Unbedingtheit und unbegrenzte Weite erschrickt.

So aber geraten wir immer vor das Geheimnis, das ist, das unendlich ist, das gründet, ohne selbst noch einmal einen Grund zu haben, das immer da ist und sich immer unberührbar entzieht. Wir heißen es Gott. Wir meinen das Geheimnis schlechthin, wenn wir Gott sagen. Wo wir das Denken nicht vergessen über dem Gedachten, die Freude nicht über dem Erfreulichen, die Verantwortung nicht über dem Verantworteten, die unendliche Zukunft nicht über dem Gegenwärtigen, die maßlose Hoffnung nicht über dem gerade jetzt Erstrebten, da haben wir es schon mit Gott zu tun, wir mögen diesem Namenlosen diesen oder einen anderen Namen oder, keinen geben.

Und wenn wir dieses denkende, liebende, hoffende Dasein angenommen haben in der Tiefe unseres Wesens trotz all der voreiligen, ungeduldigen Schmerzen und Proteste auf der Oberfläche unseres Daseins, dann haben wir uns auch schon auf Gott eingelassen, uns ihm übergeben. Viele werden dies tun, selbst wenn sie meinen, Gott nicht zu kennen (man muß ihn ja immer als den Unbegreiflichen kennen, sonst hat man ihn mit etwas anderem verwechselt), selbst wenn sie in verstummender Ehrfurcht sich nicht getrauen, ihn zu nennen.

In solcher Annahme des Daseins, das sich dem Geheimnis gehorsam anvertraut, kann sich ereignen, was in christlicher Terminologie Gnade heißt: Gott ist das Geheimnis und bleibt es. Aber er ist der Abgrund, in dem das Dasein des Menschen angenommen ist, er ist der Nahe und nicht bloß der Ferne, die Vergebung und nicht bloß das Gericht, er erfüllt die unendliche Frage des Denkens, die Maßlosigkeit der Hoffnung und die unendliche Forderung der Liebe mit sich sdbst. Schweigend noch und in jenem Grund unseres Wesens, der sich uns selbst nur eröffnet, wenn wir uns gehorsam von diesem Geheimnis umfangen lassen, ohne es nochmals beherrschen zu wollen. Geschieht dies aber, dann ist in uns schon Weihnachten, jene Ankunft Gottes, von der das Christentum bekennt, daß sie aus der freien Gnade Gottes in jedem Menschen immer geschieht, der sich ihr nicht in jener Schuld versagt, die Angst vor Gott und Hochmut der Selbstgenügsamkeit in einem ist.

Weil wir aber Menschen der Geschichte, des Greifbaren, des Hier und Jetzt sind, weil diese Ankunft Gottes als seine Tat an uns greifbar und unwiderruflich sein sollte, unwiderruflich und geschichtlich greifbar sein sollte sowohl als Selbstgabe Gottes wie als die durch den Menschen endgültig angenommene Ankunft Gottes, darum hat die Menschheit die Erfahrung dieser Zu-Kunft Gottes als endgültige, unüberbietbare und unwiderrufliche auch in ihrer Geschichte gemacht In Jesus von Nazareth. In ihm ist die Übergabe an das unendliche Geheimnis schlechthin da als Tat des Menschen, die selbst nochmals wie alles, was Freiheit und Entscheidung heißt, Gnade ist, In ihm hat sich Gott als das unsagbare Geheimnis (es bleibend), als Wort ganz und unwiderruflich ausgesagt, in ihm ist es "da" als uns allen gesagt, als Gott der Nähe, der unsagbaren Intimität und Vergebung.

Hier sind Frage und Antwort, unvermischt und ungetrennt, eins geworden; der eine ist da, in dem Gott und Mensch eins sind, ohne sich gegenseitig aufzuheben. Selbst wenn einer noch fern von jeder Offenbarung expliziter Wortformulierung sein Dasein, also seine Menschheit annimmt in schweigender Geduld, besser: in Glaube, Hoffnung und Liebe (wie immer er diese auch nennen mag) als das Geheimnis, das sich in das Geheimnis ewiger Liebe birgt und im Schoß des Todes das Leben trägt, so sagt derjenige zu Jesus Christus Ja, auch wenn er es nicht weiß. Denn wer losläßt und springt, fällt in die Tiefe, die da ist, nicht nur insoweit er sie selbst ausgelotet hat. Wer sein Menschsein annimmt (ach, das ist unsagbar schwer und es bleibt dunkel, ob wir es wirklich tun), der hat den Menschensohn angenommen, weil in ihm Gott den Menschen angenommen hat.

Wenn es in der Schrift heißt, der habe das Gesetz erfüllt, der den Nächsten liebt, dann ist dies darum die letzte Wahrheit, weil Gott dieser Nächste selbst geworden ist und so in jedem Nächsten immer dieser eine Nächste und Fernste angenommen und geliebt wird. Wenn wir das schweigende Geheimnis annehmen, das unser Dasein umfängt und uns wie Ferne und doch wie das nahe Überwältigende umgibt, es annehmen als die bergende Nähe und die zarte Liebe, die sich gar nichts mehr vorbehält; wenn wir den Mut haben, uns so zu verstehen, was man nur in Gnade und Glaube kann; wenn wir den Grund dieser Nähe und ihre absolute Zusage und Ankunft erkennen in dem, den wir den Gottmenschen nennen, dann haben wir die Weihnachtserfahrung der Gnade im Glauben gemacht.

Wenn so die einen den Mut zum ausdrücklichen Glauben an die Wahrheit von Weihnachten haben, wenn die anderen die sind, die schweigend die unübersehbare Tiefe ihres Daseins, die ungenannt von seliger Hoffnung erfüllt ist, annehmen und selbst von den ersten angenommen werden als die "anonymen" Christen, dann können alle miteinander Weihnachten feiern. Der scheinbar so oberflächliche und bürgerliche konventionelle Weihnachtsbetrieb erhält dann im letzten doch eine Wahrheit und Tiefe. Der Schein der Lüge über all dem Betrieb ist dann doch nicht die letzte Wahrheit. Dahinter steht die heilige und stille Wahrheit, daß Gott eben doch gekommen ist und Weihnachten mit uns feiert.

So sind wir dann noch einmal ehrlicher, tiefer in der Wahrheit, wenn wir über die zunächst nur zu berechtigte Skepsis gegenüber dem bürgerlichen Weihnachten hinausgelangen, indem wir es, unbefangen und unsere eigene Skepsis nicht zu ernst nehmend, feiern als das Zeichen, daß Gottes Zu-Kunft bei uns alle unsere Pläne und alle unsere Enttäuschungen schon längst überholt hat. Geht es dann nach Weihnachten weiter wie vorher, so bleibt eben doch wahr, daß Gott uns angenommen hat. Und unsere Abgründe sind erfüllt von seiner Gnade,