Von Thomas Ross

Wien, im Dezember

Wenn Ungarn heute ein schnelleres Tempo in der Liberalisierung einschlägt, als die übrigen Mitglieder des Ostblocks, so wird dies von den Bewohnern des Landes vor allem jenem Mann zugeschrieben, der noch vor sechs Jahren nach der Niederschlagung der Revolution von aller Welt als der verhaßteste der kommunistischen Führer angesehen wurde: Janos Kadar. Der 50jährige Partei- und Regierungschef gilt im Volk als ein bescheidener, vernünftiger und maßvoller Mann, der sich um das Wohlergehen der Menschen bemüht. Immerhin, so sagt man, hat er einiges erreicht: Ungarn hat den höchsten Lebensstandard im Ostblock, der Polizeiterror ist beseitigt, die Partei hält sich im öffentlichen Leben zurück.

Ihre von leiser Unzufriedenheit bis zu kräftigem Haß reichende Abneigung gegen den Kommunismus konzentriert die Bevölkerung auf die anonyme Parteiführung. Kadar nimmt sie davon aus. Und eine Version, die sein Verhalten während der Revolution betrifft, wird immer häufiger erzählt: Unter dem Druck der Russen habe er damals, im November 1956, bewußt den Makel des Verräters auf sich genommen – „ein größeres Opfer als der Tod“, fügt man hinzu –, um dem Land Schlimmeres, nämlich ein Regime des Exdiktators Rakosi, zu ersparen. Diesen, so heißt es, hätten die Sowjets bei einer Weigerung Kadars eingesetzt.

So wie Kadar bei den Ungarn rehabilitiert wurde und an Achtung gewann, so hat auch seine Politik an Selbständigkeit gewonnen. Er repräsentiert zwar diese Politik, gemacht wird sie aber gemeinsam mit einer Gruppe von Funktionären, die sich in den letzten Jahren um ihn gesammelt haben. Es sind Männer seiner Generation: Da ist Jenö Fock, bisweilen als präsumtiver Nachfolger genannt, ein Wirtschaftsfachmann, und Lajos Feher, ein Landwirtschaftsexperte. Als Nummer zwei im Regierungsapparat gilt freilich Gyula Kallai, ein ehemaliger Journalist, der sich in erster Linie mit kulturellen, ideologischen und Erziehungsfragen beschäftigt, ein unauffälliger Politiker. Istvan Szirmai, ebenfalls Exjournalist, mit dickem Schnurrbart, scheint der Denker im Politbüro zu sein, der wichtigste Ratgeber Kadars in den grundsätzlichen ideologischen und politischen Fragen, eine „Graue Eminenz“. Szirmai saß ebenso wie Kadar und andere Mitglieder der Parteiführung während der Rakosi-Ära einige Zeit im Gefängnis.

Kadar ist durchaus ein orthodoxer Kommunist. Daß er ein zweiter Tito werde, dazu fehlen alle geographischen und machtpolitischen Voraussetzungen. Es fehlt aber auch der Wille, so weit wie Jugoslawien vom leninistischen Tugendpfad abzuweichen. Aber Kadar ist ein Pragmatiker und vermeidet alle unnötigen Härten. Immer wieder hört man von ungarischen Kommunisten, daß Chruschtschow sie dazu ermuntere, eigene Lösungen zu suchen. Und Kadar sucht sie, er kopiert sie nicht. Auf lange Sicht, das geht aus seinen Reden deutlich hervor, rechnet er mit einem Sieg des klassischen, orthodoxen Kommunismus. Doch anstatt die Ungarn ideologisch zu terrorisieren und mit Propaganda zu überschütten, wartet er ab, bis die starrköpfigen, alten Bauern, die widerspenstigen Intellektuellen und die bürgerlichen Experten ausgestorben sind und, wie er hofft, ersetzt werden von einer neuen Generation „sozialistischer Menschen“.

Diese Methode – Festigkeit in den Prinzipien, doch Flexibilität in ihrer Anwendung – kann man zum Beispiel in der Kultur- und in der Landwirtschaftspolitik beobachten. Der „sozialistische Realismus“ ist in der Kunst nach wie vor ein Tabu. Trotzdem finden zuweilen private Ausstellungen abstrakter Bilder statt. Nur unterstützt der Staat, der ja ein Monopol als Mäzen besitzt, solche Maler nicht. In den Zeitschriften wurde jüngst ohne Zurückhaltung und Vorsicht über Sinn oder Unsinn westlicher, experimenteller Kunst diskutiert und doktrinäre Vorhaltungen von Parteifunktionären scharf und ungeniert zurückgewiesen.